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Jüngere haben weniger Zeit für Engagement – Ältere füllen die Lücke

Oma und Opa auf den Barrikaden

Die Zeit der großen Studentenrevolten ist vorbei. Die letzten großen Protestbewegungen waren nicht mehr geprägt von wütenden Jugendlichen und engagierten Studenten, sondern von der Generation 40 plus. Entsprechend oft liest man heute auch von Bürgerinitiativen und Bürgerbeteiligung, statt von Jugendunruhen. Das gebildete, oft gut betuchte Bürgertum hat Gefallen am Widerstand gefunden.

veröffentlicht am 29.04.2013 um 13:51 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:57 Uhr

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Das liegt vielleicht einfach daran, dass ältere Menschen es gewohnt sind für ihre Rechte zu kämpfen“, meint Angela Priesmeier aus Rinteln. Die 56-jährige Aktivistin der Montagsdemonstrationen für den Atomausstieg erklärt: „Vieles, was für junge Leute heute selbstverständlich ist, mussten wir uns noch erkämpfen.“ Im Vergleich dazu sitze die Jugend heute im gemachten Bett.

Teilweise würden Errungenschaften gar wieder strittig gemacht, sagt Priesmeier mit Verweis auf die Proteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich. Stolz ist sie jedoch auf ihre Kinder, die sich ebenfalls engagiert hätten. Ihrer Meinung nach ein Beweis dafür, wie wichtig es sei, mit positivem Beispiel voran zu gehen.

Felix Butzlaff, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung sieht für den Generationenwechsel zwei Gründe: „Die ältere Generation heute ist eine ganz andere, als wir sie früher kannten.“ Die Generation, die 68 gegen das System rebellierte, ist heute im Rentenalter.„Sie hat erkannt, dass Engagement und Protest etwas Positives sind“, meint Butzlaff. „Außerdem ist die Gruppe der älteren Menschen einfach gewachsen“, erklärt der Politikwissenschaftler, „und den jungen Menschen fehlt immer öfter die Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Engagement: Zeit.“

Diese Entwicklung erkennt auch Annegret Dreyer, aus Rinteln. Die 74-jährige Anti-Atomaktivistin meint: „Die Schüler haben doch heute kaum noch Luft. Wenn die neben der Schule noch Sport machen wollen, bleibt kaum Freizeit.“ Unpolitischer seien sie aber auch geworden.

Das sieht Butzlaff nicht so. Jugendliche würden sich heute anders, aber nicht notwendigerweise weniger mit Politik beschäftigen. „Dort wo es für sie passt, engagieren sie sich auch.“ Als Beispiele nennt er die Occupy Bewegung und die vielen Protestformen im Internet, beispielsweise über soziale Netzwerke.

Ähnlich undramatisch sieht Thomas Knickmeier von der Bürgerinitiative gegen den Bau eines Krankenhauses in der Feldmark Vehlen die Lage. Zwar werde ein großer Teil der tatsächlichen Arbeit der Bewegung von älteren Menschen verrichtet, aber „junge Menschen gibt es durchaus, die sich interessieren und engagieren.“ Als positives Beispiel nannte er die kürzlich gegründete Grüne Jugend Schaumburg. Für ältere Menschen komme oft der Moment, wo sie sich sagen würden: „Ich habe mir das jahrelang angesehen, aber jetzt ist der Punkt gekommen, wo ich etwas ändern muss“.

Politisches Engagement habe auch immer etwas mit dem Bildungsgrad zu tun, meint Butzlaff. Mit steigender Bildung würde das Selbstbewusstsein, die Bereitschaft, Widerstand zu leisten und sich für die eigenen Anliegen zu engagieren, wachsen. Laut einer Studie, die das Göttinger Institut für Demokratieforschung durchgeführt hat, ist die altersmäßig größte Gruppe unter den Protestierenden gegen Infrastruktur- und Energiewendevorhaben jene der 56- bis 65-Jährigen.

Der Schluss, den die Studie für die Zukunft zieht, ist eindeutig: „Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hoch motivierte und rüstige Rentner in den öffentlich vorgetragenen Widerspruch begeben.“ Viele von ihnen wohl auch in Schaumburg.



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