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Mea culpa, sorry, ’tschuldigung – das sollte mal gesagt werden

Mach’ die Merkel

Angela Merkel hat es getan. Und ich weiß nicht, warum, aber irgendwie fällt mir auf, dass es viele andere in jüngster Zeit auch tun. Von denen man es vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: um Entschuldigung bitten. Jeff Bezos zum Beispiel ...

veröffentlicht am 22.05.2021 um 10:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Natürlich fallen mir auch jede Menge Leute – im privaten Umfeld wie auch im öffentlichen Leben – ein, die das Wort leider nicht über die Lippen kriegen. Der Typ, der mir neulich den Einkaufswagen in die Hacken gerammt hat, zum Beispiel. Aber der war auch zu sehr damit beschäftigt, über das Leben im Allgemeinen und den vermeintlichen Untergang der Demokratie im Besonderen zu fluchen. Da waren meine Achillessehnen natürlich nur Nebensache.

Kein Wunder, dass viele die Entschuldigung Merkels zur Osterruhe als Zeichen ihrer Charakterstärke einordneten. Die Süddeutsche Zeitung nannte die Erklärung der Bundeskanzlerin gar historisch. „Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler, denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung“, sagte Merkel. Und: „Ein Fehler muss als Fehler benannt werden und vor allem muss er korrigiert werden, und wenn möglich, hat das noch rechtzeitig zu geschehen.“ Nun mag man kaum glauben, dass dies ihr einziger Fehler in den vielen Jahren ihrer Kanzlerschaft war, aber sei es drum. In der Politik gibt es ja durchaus weitere Beispiele für Entschuldigungen: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wegen der Maut, der CSU-Finanzpolitiker Hans Michelbach wegen der Vorgänge um den Wirecard-Skandal.

Und eben nicht nur in der Politik, wie das Bezos-Beispiel zeigt: Der Amazonchef hatte sich doch glatt nach einer Twitter-Auseinandersetzung entschuldigt (da hätte Trump viel zu tun). Bei Bezos ging es im Wortsinn um Pipikram: Darum, wo und wie die eigenen Lieferfahrer ihre Notdurft verrichten können. Natürlich steckte dahinter ein ernsthaftes Thema, nämlich der stressige Arbeitsalltag der Fahrer, der dazu führe, dass sie in Flaschen urinieren müssten.

Die Gala geht weiter: Schiedsrichter entschuldigen sich bei Fußball-Berühmtheiten, Michael Douglas bei Val Kilmer, Sebastian Vettel ist gleich mehrfach zu Kreuze gekrochen.

Was mir aber die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist das Auftreten von Christoph Metzelder. Als er sich wegen kinderpornografischer Dateien vor Gericht verantworten musste, räumte der Ex-Nationalspieler seine Schuld ein – und entschuldigte sich. De facto eine zweckgerichtete Entschuldigung, die ihm die Bewährungsstrafe sicherte. Manches ist eben einfach nicht zu entschuldigen. Das trifft wohl auch auf die zigfachen Missbrauchsskandale im Bereich der Kirche zu. Da entschuldigen sich diverse Kirchenmänner bei den Opfern – weitere Konsequenzen? Fehlanzeige.

Manchmal ist das Ausbleiben einer Entschuldigung der größte Skandal: So geschehen im Fall der Love-Parade-Tragödie. Duisburgs Ex-Bürgermeister Adolf Sauerland hatte zwar den Hinterbliebenen sein Mitgefühl ausgedrückt (und dies wohl nur auf Nachfrage). Eine Entschuldigung hielt er hingegen für „nicht adäquat“. Sie könne den Verlust eines Kindes ohnehin nicht wiedergutmachen. Vielleicht will er auch deshalb nicht um Entschuldigung bitten, weil er nach seinem Verständnis keine Schuld auf sich geladen hat.

Dass es auch anders geht, zeigt der Kniefall von Willy Brandt. Eine große Geste, eine Bitte um Vergebung und ein wirklich historisches Ereignis. Verantwortung zu übernehmen, ist auch ohne persönliche Schuld möglich. Ob jemand selbst einen tatsächlichen Riesenfehler gemacht hat und eben auch einsieht, dass es absolut falsch beziehungsweise gar eine Riesenschweinerei war (siehe Metzelder), oder ob jemand im guten Glauben und für die Sache vielleicht nur etwas nicht bedacht hat, im Fall Merkel zum Beispiel die Kurzfristigkeit ihrer Lockdown-Idee – das ist ja wohl ein Unterschied. Entschuldigungen können also aus ganz unterschiedlichen Motiven erfolgen – ganz aufrichtig, auf Druck von außen oder aber aus reinem Selbstzweck. Was jeweils wirklich im Einzelfall dahintersteckt, mag unterschiedlichen Bewertungen unterliegen. Aus demselben Grund werden wir wohl niemals eine Entschuldigung aus der Querdenken-Szene erleben – sie würde echte Einsicht voraussetzen.

Zu guter Letzt möchte ich mich entschuldigen, kann ja nicht schaden. Sollte ich Sie, liebe Lesende, gelangweilt haben, es war einzig und allein mein Fehler, ich nehme das auf meine Kappe und entschuldige mich in aller Form.



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