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Kleine Rätsel Schaumburgs: Wie die Teufelskanzel auf dem Süntel entstand

Liebesdrama wegen Hülsenfrüchten

Landkreis (lsb). Menschen, die eine unglaubliche Körpergröße haben, sind in unserer heutigen Gesellschaft keine Seltenheit mehr. Die Zeiten, in denen sie als „Riesen“ ausgegrenzt wurden, sind lange vorbei. Doch während dieser Zeiten sind sagenhafte Geschichten entstanden, die auch heute noch gerne gehört werden – auch in unserer Region.

veröffentlicht am 30.07.2011 um 00:00 Uhr

Zwischen dem heutigen Bad Münder und dem Ort Hamelspringe gab es vor vielen Jahrtausenden ein Dorf, in dem ein fleißiger und ehrlicher Bauer mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebte; zwei Jungen und zwei Mädchen. Der Jüngste von ihnen gedieh, wie es heißt, zum Stolz und zur Freude seiner Eltern sehr gut. Deshalb nannten sie ihn „Esegir“, was so viel, wie „er kann kräftig zupacken“ bedeutet. Was sie jedoch nicht wussten: Ihre Freude würde sich schnell in Entsetzen wandeln.

Esegir wuchs ohne Halt und mit ihm auch sein Hunger – 16 Jahre lang, bis er zu einer hünenhaften Gestalt herangewachsen war. Als das Land von einem Unwetter heimgesucht wurde, das wochenlang anhielt, verdarben auf den Feldern die Früchte und die Menschen mussten hungern.

Von seinem Hunger getrieben, soll Esegir eines Nachts in die Speisekammer seiner Familie eingedrungen sein und sich über die Vorräte hergemacht haben. Sein Vater versuchte ihn daran zu hindern, doch wütend, dass sein Vater so reagierte, schlug Esegir seinen Vater mit einem Faustschlag nieder.

Voller Entsetzen, so will es die Sage, sei Esegir aus dem Haus in den Wald des Süntelgebirges gehastet. Er soll von da an nie wieder gesehen worden sein.

In einem anderen Dorf, dort, wo heute die Gemeinden Eimbeckhausen und Messenkamp liegen, soll damals zur gleichen Zeit ein Junge namens Haniel aufgewachsen sein. Dieser Name bedeutet „von riesenhaftem Wuchs“ und soll auf ihn zugetroffen haben. Haniel lebte alleine, da er weder Eltern noch andere Verwandte hatte, die sich um ihn hätten kümmern können. Er soll von Umherziehenden in diesem Dorf zurückgelassen worden sein.

Während der großen Hungersnot, die auch sein Dorf heimsuchte, wurden Haniel die Türen versperrt. Zu groß war die Angst der Dorfbewohner, er würde ihnen „die Haare vom Kopf fressen“. Also trieb Haniel sich von Einsamkeit und Hunger getrieben am nahen Deister, in der Nähe des Süntelgebirges, herum.

Eines Tages, so heißt es, soll ein tobender Sturm aus Westen den Zweig einer wundersamen Pflanze in den Deister geweht haben. Die grün glänzenden Blätter und leuchtend roten Beeren soll Haniel dann gefunden haben. Er erinnerte sich, dass die Leute aus dem Dorf den Strauch, von dem dieser Zweig stammte, „Hülse“ nannten und damit gerne ihre Wohnräume während der Winterzeit schmückten.

Um ein Mädchen, das am Deisterufer Ziegen und Rinder hütete, zu beeindrucken, entschloss sich Haniel in den Süntel zu gehen und sich mit den Zweigen zu schmücken.

Als er sich auf den Weg zu dem Mädchen machte, hörte er plötzlich lautes Poltern und Grollen und hinter ihm tauchte der wütende Esegir auf, dem die Hülsenfrüchte angeblich gehörten. Wutentbrannt warf Esegir einen riesigen Felsstein nach Haniel, der entsetzt floh. Esegir folgte ihm jedoch und warf immer mehr Steine nach Haniel.

Als sich Haniel von dem Schrecken und den Schmerzen ein wenig erholt hatte, ging er zurück, um es dem Süntelriesen heimzuzahlen. Mit Felssteinen warf er nach Esegir, doch dieser wusste sich zu helfen und tat es ihm nach. Die Schlacht ging tagelang und die Menschen in den nahen Dörfern versteckten sich in ihren Häusern – unter ihnen auch das Mädchen vom Deisterufer.

Kaum bemerkte Haniel, dass sein Mädchen verschwunden war, überkam ihn eine solche Wut, dass er Richtung Süntel lief, um weitere Felsbrocken zu schleudern. Esegir, der darauf gewartet hatte, nahm den größten Felsen, den er finden konnte, und warf ihn Haniel bei seiner Flucht in den Rücken, sodass dieser besinnungslos zu Boden fiel und kurz darauf starb.

Noch heute liegt dieser Brocken, der den Namen „Teufelskanzel“ trägt, unterhalb des Nordmannsturms; um ihn herum noch viele andere der Steine, die Esegir gegen Haniel geschleudert hatte. Haniels Klagen soll man heute noch hören können.

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs? Schreiben Sie uns an sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie an unter (0 57 51) 4000-545.

Die „Teufelskanzel“, mit der Süntelriese Esegir Haniel erlegt haben soll, liegt noch heute im Süntelwald.

Foto: pr.



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