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Fenster im Sitzungssaal des alten Gebäudes am Pferdemarkt symbolisierten die Gemeinden

Landkreis war keine historische Einheit

Am 30. Oktober 1929 genehmigte das preußische Staatsministerium dem Landkreis Hameln-Pyrmont ein eigenes Wappen und Dienstsiegel, dessen farbige Wiedergabe der Hamelner Künstler Rudolf Riege gestaltete.

veröffentlicht am 30.06.2014 um 06:00 Uhr

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Der Landkreis Hameln-Pyrmont war historisch keine Einheit, sondern setzte sich aus einer Vielzahl früherer Ämter, Vogteien und Gerichte zusammen. Man griff deswegen auf das alte Herrengeschlecht der Eversteiner zurück, das im 13. Jahrhundert – vor Etablierung der welfischen Herrschaft – im Weserbergland die Macht ausübte. Das Eversteiner Wappen war der gekrönte Löwe.

Als weltbekannter Kurort und größte Stadt des Landkreises sollte auch Bad Pyrmont berücksichtigt werden, das 1922 zum Kreis hinzugekommen war. Pyrmont brachte das Wappen der 1494 ausgestorbenen Grafen von Pyrmont mit, das von den Mineralwasserflaschen her bekannte Ankerkreuz.

Im Kreiswappen trägt nun der Eversteiner Löwe in den erhobenen Pranken das rote Pyrmonter Ankerkreuz. Damit war ein sowohl einfaches wie historisch aussagekräftiges Wappen entstanden.

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Wappen haben von alters her eine wichtige Bedeutung, insofern sie in Gestalt eines Siegels Rechtshandlungen beglaubigen. Hintergrund für das neue Kreiswappen war ein Erlass des preußischen Innenministeriums. Darin wurden die Kommunen angewiesen, den „preußischen Adler“ als Hoheitszeichen nur noch bei Dienstgeschäften zu verwenden, bei denen sie Aufgaben der allgemeinen Landesverwaltung wahrnahmen. Den Kommunen war aber unbenommen, sich bei eigenen Amtshandlungen eigener Wappen zu bedienen. Anders als die Städte besaßen aber nur die wenigsten Landkreise und Gemeinden eigene Wappen.

In dem Zusammenhang regte der Kreistag an, für alle Gemeinden des Landkreises eigene Wappen anzufertigen und im neuen Sitzungssaal des Kreishauses in Form eines Glasfensters anzubringen. Als am 20. Oktober 1930 der neue Kreistagssaal eingeweiht wurde, machten neben der dunklen Holztäfelung vor allem die durch den Hamelner Künstler Rudolf Riege geschaffenen Glasfenster einen starken Eindruck.

Neben Bildern charakteristischer Landschaften und Darstellungen der Gewerbe (zum Beispiel Wallensen mit seiner Braunkohleindustrie oder Aerzen mit der Domänenburg) zeigen sie die Wappen der Ämter, Städte und Flecken. Sie haben in der Regel historischen Ursprung, zum Beispiel das Amt Coppenbrügge, die alte Grafschaft Spiegelberg, mit dem stehenden Hirsch auf silbernem Grund das Wappen der Grafen von Spiegelberg.

Die Wappen fast aller 83 Ortschaften des Kreises mussten zumeist neu entworfen werden. Rudolf Riege griff dabei, wenn irgend möglich, auf die historische Herkunft der Gemeinden zurück. So sind die Dörfer der ehemaligen Grafschaft Pyrmont durch das Pyrmonter Ankerkreuz gekennzeichnet. Wo geschichtliche Anhaltspunkte fehlten, nahm er landschaftlich Bemerkenswertes zum Wappenzeichen, eine Brücke, die Kirche, eine Mühle, einen Baum, die Lage am Berg oder Fluss. Schließlich griff er auf Volkssagen zurück. Bei der Schaffung der Wappen arbeiteten die Gemeinden mit. In den intensiven Auseinandersetzungen wurden nachträgliche Änderungswünsche berücksichtigt. Davon zeugt eine umfangreiche Akte im Kreisarchiv. Einige Beispiele zeigen die Entwürfe von Rudolf Riege und das schließlich gewählte Wappen. Das Wappen von Dehmke zeigt auf silbernem Grund ein schwarzes, auf blauem Wellenfuß stehendes Mühlrad, auf dem eine Eule sitzt. Pate stand die Uhlemühle.

Das in Rot und Silber gespaltene Wappen von Emmern zeigt über blauem Wellenfuß in umgekehrten Farben Mühlrad und Eimer. Mühlrad und Wellenfuß deuten auf Emmerns Lage an Weser und Emmer; der Eimer ist das Wappenzeichen des Rittergeschlechts von Emmern.

Besonders gelungen ist das Wappen des Fleckens Salzhemmendorf. Es zeigt oben das Brustbild einer silbernen gekrönten Frauengestalt, darunter einen goldenen Lindwurm über zwei gekreuzten Salzhaken. Die Frauengestalt symbolisiert die heilige Margarete, die Patronin der Kirche und des Ortes, deren Tod mit einem Lindwurm in Verbindung gebracht wird. Die Salzhaken stehen für die Salzgewinnung des Ortes.

Zumeist trugen die Gemeinden durch Spenden zu den Kosten der Glasfenster bei. All das geschah in einer Zeit großer wirtschaftlicher und politischer Nöte und Sorgen und unter liebevoller Begleitung des Landrats Dr. Richard Loeb-Caldenhof, den die Nazis 1933 aus dem Amt jagten, weil er jüdische Wurzeln hatte.

Nach dem Abriss des Sitzungssaals zugunsten der „Stadtgalerie“ fanden die Glasfenster einen würdigen Aufstellungsort im neuen Kreishaus an der Süntelstraße.

Weitere historische Fotos: zeitreise.dewezet.de



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