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Das Innere der Marktkirche – vor ihrer Zerstörung und heute / Nur einige Figuren konnten gerettet werden

Kostbares mit dem Schutt weggeräumt

Die Marktkirche hat in ihrer langen Geschichte eine wechselvolle Baugeschichte durchlaufen. Ursprünglich eine kreuzförmige Basilika, war sie im 13. Jahrhundert nach der Mode der Zeit zu einer großräumigen gewölbten Halle umgebaut worden, bei der das breite Mittelschiff und die beiden schmalen Seitenschiffe dieselbe Höhe aufwiesen. Alte Fotos zeigen, dass die Kapitelle der Säulen durch Blätter dekoriert waren und im Chor zahlreiche kräftig gestaltete Symbol- und Fabeltiere zu sehen waren. Dieser bauliche Zustand blieb im Wesentlichen bis zur Zerstörung der Kirche im April 1945 erhalten.

veröffentlicht am 08.06.2015 um 06:00 Uhr

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Die Innenausstattung der Kirche musste sich mehrere tiefe Eingriffe gefallen lassen. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) benutzten die Franzosen die Kirche nach der Schlacht von Hastenbeck (1757) als Lazarett und später die Engländer nach der Schlacht von Minden (1759) als Magazin. Dabei gingen sämtliche hölzerne Ausstattungsstücke zu Bruch.

In den Jahren 1764-1768 wurde das Innere von Grund auf erneuert. Der hannoversche Hofbildhauer Johann Friedrich Ziesenis gestaltete mit dem hochragenden Altar, der prächtigen Kanzel (mit hohem Schalldeckel) und der Taufe die drei liturgischen Stätten im Stil des Rokoko. Altar, Kanzel und Taufe sind auf dem Schwarz-Weiß-Foto von 1899 gut zu erkennen.

1899 veränderte die Gemeinde das Kircheninnere erneut. Während die Arbeiten von Ziesenis erhalten blieben, erneuerte sie das Gestühl und die im Foto nicht sichtbare Orgelempore. Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt das Gotteshaus während der Restaurierung, schon mit dem neuen neogotischen Gestühl, aber noch ohne die Ausmalung. Die Ausmalung der Gewölbe und der Architekturglieder führte der Kirchenmaler Ebeling ebenfalls im neogotischen Stil aus, ohne dass es dafür im Putz irgendwelche Anhaltspunkte gegeben hätte.

So sah die Kirche aus, als sie am 5. April 1945 durch Artilleriebeschuss der Amerikaner zerstört wurde: Die Gewölbe des Westteils der Kirche stürzten ein. Stehen blieb lediglich die Nordwand samt Giebel sowie ein Joch des östlichen Teils samt Chor und Sakristei. Von der gesamten Inneneinrichtung konnten nur einige Figuren des Altars und der Kanzel gerettet werden.

Die Gemeinde hat den Verlust ihrer Kirche nie akzeptiert und schon bald wieder in einer im Ostteil der Ruine eingerichteten Notkirche den Gottesdienst aufgenommen. Am 6. Dezember 1959 konnte die Gemeinde den Neubau feierlich einweihen.

Stadtbaurat Schäfer hatte die Gemeinde in der Frage des Wiederaufbaus beraten und neben der Sicherung der Ruinen für die Wiedererrichtung drei Möglichkeiten vorgeschlagen:Wiederaufbau in alter Form,Errichtung eines modernen Kirchenbaus, Erhaltung des äußeren Bildes, aber Innenausbau mit den Mitteln moderner Technik.

Ein Wiederaufbau in alter Form scheiterte, weil Pläne und Fotos fehlten. Den gesamten Schutt, in dem sich noch kostbare Reste befanden, die für eine Rekonstruktion hätten verwendet werden können, hatte man achtlos weggeräumt und in Töneböns Teiche gekippt.

Man entschied sich für die dritte Möglichkeit, die Synthese von alter äußerer Form und neu gestaltetem Innenraum. Für die Form des Kirchenschiffes wählte man die Gestalt einer Pseudo-Basilika – also ein leicht erhöhtes Mittelschiff und abgesenkte Seitenschiffe – in einem Stahlbetonrahmen. Um die nicht mehr ganz standsicheren Außenwände zu entlasten, ruhen Decke und Dach auf schlanken rechteckigen Betonsäulen.

Im Westteil der Kirche entstand ein großer Gemeinderaum mit flacher profilierter Balkendecke und schlanken Pfeilern, der einschließlich Empore 800 Personen Platz bietet. Der nicht zerstörte östliche Teil der Kirche konnte dagegen seinen intimen gotischen Charakter bewahren.

Den Übergang zwischen Alt und Neu markiert der steinerne Altar des Hamelner Bildhauers Arn Walter. Er steht mitten unter der Vierung – erhöht wie auf einer Insel – und hat die Form eines Kelches.

Auf den abgeschrägten Seiten finden sich die Symbole des Opfertodes Christi im Abendmahl, Ähren, Trauben, Fische und die Dornenkrone mit den Marterwerkzeugen. Der Altar ist nach drei Seiten hin ausgerichtet, nach Westen zur gottesdienstlich versammelten Gemeinde im Kirchenschiff, zu den Wochenendandachten nach Süden und für Taufen nach Osten.

Im Vierungsbogen hängt ein kleines ausdrucksstarkes hölzernes Kruzifix aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es war früher – für die meisten Besucher unsichtbar – hinter dem Hochaltar über der Tür zur Sakristei angebracht. Im Gegensatz zum alten Zustand geht der Blick des Betrachters heute frei bis in den Chor. Von der Ziesenisschen Kanzel sind der rekonstruierte Kanzelkorb samt originalen Figuren und Reliefs geblieben. Links von der Kanzel sind vor einem ungestalteten Hintergrund die Reste der Figuren des kriegszerstörten Hochaltars angebracht: die vier Evangelisten sowie Gottvater als Schöpfer der Welt und Christus sowie das Abendmahlsrelief.

Die Fenster gehören zu den gelungensten Elementen des Neubaus. Sie sind bewusst keine Rekonstruktion. Maßwerk und Verglasung wurden modern gestaltet. Das reizvoll gestaltete steinerne Maßwerk für die Fenster entwarf ebenfalls der Bildhauer Arn Walter. Besonders schön ist das Westfenster über der Empore, wenn die Nachmittagssonne dem Raum ein goldenes Licht gibt.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

So sah die Marktkirche innen aus, bevor sie zerstört wurde. Rechts die Ansicht von heute.Stadtarchiv/bg



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