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Ein Plädoyer für weniger Gefühl

Kolumne der Woche: Bauchgrummeln

Sie kennen das, gerade jetzt nach den Feiertagen: Etwas Falsches gegessen und schon drückt der Bauch. Mit manchen Themen ist das ähnlich. Man hört davon. Es beginnt zu gären. Und irgendwann muss es einfach raus. Welche Erleichterung! Aber auch Irritation auf der Gegenseite. Abwehrreaktionen, Unverständnis. Wer das Naserümpfen registriert, ruft deshalb eilig: „Meinungsfreiheit!“

veröffentlicht am 05.01.2018 um 20:42 Uhr
aktualisiert am 06.01.2018 um 18:13 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Ha! Dagegen kann keiner was sagen. Die Meinung – ein eiserner Pfeiler der Demokratie. In einem freien Land ist Rauslassen Bürgerpflicht. Aber manches, was da Meinung genannt wird, erinnert mehr an saures Aufstoßen oder Schlimmeres: Ununterdrückbar bricht es sich Bahn und fördert vor allem Unverdautes zutage. Wut auf die da oben, die sich die Taschen vollstopfen. Angst vor dem Fremden. Verachtung für die, die anders denken. Ekel. Emotionen.

An diesem Punkt: Warten auf das unvermeidliche Flüchtlingsbeispiel. Den Kontrast zwischen Gutmensch und Wutbürger, Umarmung und Zähnefletschen. Doch in diesem Fall gibt es einen Kontrast nicht wirklich. Auch bedingungslose Menschenliebe und vorbehaltlose Begeisterung sind keine Meinungen, sondern Gefühle – wenn auch durchaus sympathische. Anders ausgedrückt: Wenn‘s dem Einhorn im Bauch drückt, mag das Ergebnis zwar nach Rosen duften. Mehr Erkenntnisgewinn als die gängige Variante bringt es aber auch nicht.

„Weil ich es schön finde“ ist ebenso wenig ein Argument wie „Weil mich das wütend macht“. Gefühle sind Privatbesitz, auch dann, wenn sie geäußert werden. Erst durch Argumente werden sie diskutierbar und verständlich. Ohne Bezug auf Fakten oder wenigstens Erfahrung bleibt die Meinungsäußerung eine intellektuelle Flatulenz. Penetrant wahrnehmbar für das Gegenüber, aber letztendlich frei von Substanz. Ein bisschen wenig für einen eigenen Artikel im Grundgesetz. Die Freiheit der Bauchgefühle wurde darin wohl auch deshalb nicht extra erwähnt, weil man der Ansicht war, dass ein Gefühl zwar ein Teil der Meinung, aber nicht ihr Ganzes ist.

Medien, Pädagogen, Wissenschaftler und andere „Meinungsexperten“ gehen davon aus, dass sich Menschen bei ihrer Meinungsbildung Mühe geben. Dass sie Informationen nutzen und bewerten. Dass sie – obacht! – auch bereits Gelerntes stetig hinterfragen und danach streben, sich nicht irgendeine, sondern die bestmögliche Meinung zu bilden. Und dass sie diese mit dem Ziel äußern, sich zu messen, andere zu überzeugen und dadurch ein klein wenig die Welt zu verändern. Bloße Erleichterung hört sich anders an.

Zusammengefasst: Wenn der Bauch gesprochen hat, fängt die Kopfarbeit an, und erst am Ende steht die Meinung. Im Idealfall. Die Praxis sieht oft anders aus. Mancher Raucher lachte einmal heiser über Warnhinweise und Rauchverbote. Niemals, so meinte er, wird deshalb jemand nicht zur Zigarette greifen. Aus dem Lachen müsste angesichts der rückläufigen Zahl jugendlicher Nikotinabhängiger ein beschämtes Hüsteln geworden sein. Müsste. Denn natürlich ändert der Raucher seine Meinung nicht. Er weiß es weiterhin besser. Schließlich sitzt er jeden Samstagabend mit denen in der Raucherkneipe, denen die Fluppe immer noch schmeckt.

Die Solidarität der Gleichgesinnten, Gleichfühlenden tut dem Bauch so gut, dass der Kopf keine Chance hat. Schlimmer noch: Er stört das Wohlgefühl. Wer in der Raucherkneipe anmerkt, dass er es, ehrlich gesagt, nun doch beim Treppensteigen spürt, wird mit „Mir schmeckt‘s noch“ abgewatscht. Wer daraufhin den Fehler begeht, eine Statistik zu zitieren, die Helmut Schmidt zwar als Leuchtturm, aber eben doch als einen sehr einsamen Leuchtturm ausweist, kann sich für den Abend neue Freunde suchen.

Das kann hart sein. Und nur weil es so hart ist, steht die Meinung unter Schutz. Weil sie einsam machen kann und angreifbar und weil sie, von Kopf zu Kopf ausgetauscht, tatsächlich etwas verändern kann.

Wer sich vor der Dunkelheit fürchtet, darf nicht erwarten, dass sie deshalb abgeschafft wird. Wer aber erklärt, dass das Fehlen einer Laterne an einer bestimmten Stelle zu einer bestimmten Zeit ein Verletzungsrisiko darstellt, hat die Chance, dass sein Anliegen zumindest diskutiert wird.

Eine mit Argumenten untermauerte Meinung ist nicht so ansteckend wie ein Bauchgefühl. Sie bahnt sich langsam ihren Weg durch die Gedanken und von dort bis runter in den Bauch. Dort prallt sie zusammen mit dem, was schon vorher da war. Auch das kann hart sein. Der Bauch weiß es gerne besser. Aber häufig irrt er sich.



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