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Wie der Grüne Reiter zu seinem Namen gekommen ist / Die wechselvolle Geschichte eines Gebäudes

Kirche, Kunsthalle, Kohlelager und Lazarett

Hameln. Eine Sparkasse in einer ehemaligen Garnisonskirche – das gibt es wohl nur in Hameln am Grünen Reiter. Der ungewöhnliche Name für das jahrhundertealte Gebäude am Kastanienwall/Ecke Osterstraße ist allerdings erst in den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden, als die Stadtsparkasse dort einzog, wo einst Gottesdienste gefeiert wurden. Weil die Kupfereindeckung, also der Dachreiter, oxidiert ist und sich dadurch grün gefärbt hat, haben die Hamelner das historische Gemäuer „Grüner Reiter“ genannt. Das Gebäude hat eine wechselvolle Geschichte. Dort, wo heute im modernen Ambiente Bankgeschäfte abgewickelt werden, gibt es einen Gedenkstein – er erinnert an den letzten Gottesdienst in der Garnisonkirche, der im Jahre 1875 stattfand. 140 Jahre lang wurden die Gottesdienste für die Hamelner Militärgemeinde in der „Guarnison Kirche“ abgehalten. Im November 1929 bezog die Stadtsparkasse Hameln das schlichte Barockgebäude und seitdem befindet sich dort die Hauptstelle des Kreditinstituts. „Seit 1929 hat es mehrfach kleine Umbauten gegeben“, erzählt der Sprecher des Geldinstituts, Lars Papalla. Die Renovierungen sind in den Gedenkstein eingraviert worden – dort finden sich die Jahreszahlen 1954, 1964, 1988 und 2001. Allein bei der Sanierung im August 2001 wurden 40 Tonnen Stein bewegt. Im Rahmen der Neu- und Umbauarbeiten ist der Torbogen zwischen Garnisonkirche und Heiliggeiststift versetzt worden. Einst war hier ein kleiner Innenhof, der von der Garnisonkirche aus hinein in das Heiliggeisthospital führte. Das Hospital war nicht nur eine Stätte zur Pflege von Kranken, es diente auch als Armenhaus für hilfsbedürftige Bürger. Heute befinden sich im Gebäude des Stifts die Beratungsräume der Stadtsparkasse. „Die großen Fenster der Garnisonkirche sind aufgrund der Denkmalschutzauflagen in ihrer Formgebung – bis auf die ursprüngliche Verglasung – unverändert erhalten geblieben“, sagt Papalla.

veröffentlicht am 25.01.2013 um 06:00 Uhr

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Wenn die Mauern der Garnisonkirche sprechen könnten, dann würden sie uns sicher viele Geschichten erzählen können. Errichtet wurde das Gebäude vor ziemlich genau 300 Jahren, in einer Zeit, in der das wirtschaftliche Leben durch die großen Schlachten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), zunächst noch Jahrzehnte nach dem Westfälischen Friedens-

schluss, gestört war. Bevor mit dem Bau begonnen wurde, stand an diesem Ort die Kapelle des Heiliggeisthospitals. Dort wurden seit dem Jahre 1670 die Gottesdienste für die Hamelner Garnisonsmitglieder gehalten. Angesichts der zahlreichen Regimenter in der Stadt erwies sich die Kapelle des Heiliggeisthospitals jedoch auf Dauer als zu klein, sie war zudem baufällig geworden. Es sollte eine Kirche für die ständige Garnison in der Stadt gebaut werden, und man entschloss sich im Jahre 1711 zum Abbruch der alten Kapelle. In den Kriegswirren des 17. und 18. Jahrhunderts wurde Hameln zu einer modernen Landesfestung ausgebaut und die Kalkvorräte des Festungsbaus wurden auch für den Bau der „Guarnison Kirche“ genutzt. Der Bau der Kirche wurde von dem „Capitain Ingenieur Georg Heinrich Rodemeyer“ geleitet, das schlichte Barockgebäude im Jahre 1713 weitgehend fertiggestellt und 1714 vollendet.

Die Jahreszahl der Fertigstellung wurde in den Giebel nach Westen (zum Ostertorwall) gesetzt. Damit hatte Hameln neben der Marktkirche, dem Münster und dem Gotteshaus der Hugenottengemeinde eine vierte Kirche. Bis zum Jahre 1842 gingen dort viele Mitglieder der Militärgemeinde zur Kirche. Nachdem die Kapelle für das Militär nicht mehr genutzt wurde, baute man im März 1880 eine Kunsthalle, allerdings wurde diese schon im September des gleichen Jahres als Exerzierhaus genutzt, um bei schlechtem oder winterlichem Wetter die Soldaten zu Fuß oder zu Pferd einzuüben. Zu Beginn des Jahres 1881 wurde das Inventar (Orgel, Bänke, Altar, Kanzel) verkauft, ab Dezember 1884 nutzte man das Gebäude als Cholera-Lazarett. In dem Buch „Garnisonkirche und Heiliggeisthospital“ steht geschrieben, dass die Kirche bis 1914 als Reithalle für Offiziere des in Hameln stationierten Regiments benutzt wurde. Nach 1914 lagerte man in der geräumigen Halle Kartoffeln, Gemüse und Kohle. Eine Kunst- und Gewerbeausstellung fand dort im Sommer 1920 statt, und bis 1924 diente das Haus als Jugendherberge. Im Jahre 1925 wurde die ehemalige Garnisonkirche schließlich zu einem Festsaal und einer Ausstellungshalle umgebaut.

Grüner Reiter – der ungewöhnliche Name für das jahrhundertealte Gebäude am Kastanienwall/Ecke Osterstraße ist erst in den späten 1920er Jahren entstanden.Foto: osi



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