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Das eigenwillige Verhalten neuer Familienmitglieder

(K)ein Hoch auf die Technik

Bei uns zu Hause gibt es zwei Parteien: Die eine, die technikbegeistert ist und erst dann glücklich sein wird, wenn auch das letzte Gerät verlässlich per App und Sprache gesteuert werden kann. Und mich. Die irgendwann in absoluter Abhängigkeit im Dunklen hausen wird, weil sie nicht einmal mehr einen Lichtschalter betätigen kann, ohne vorher fragen zu müssen, wie es geht.

veröffentlicht am 28.08.2021 um 09:00 Uhr

Das liegt nicht daran, dass ich besonders doof bin, sondern dass die Errungenschaften doch nicht so gut parieren, wie Kaufversprechen verheißen hatten.

Nehmen wir „Putzi“ (haben Ihre Geräte etwa keine Namen?) Zwar hat Putzi inzwischen kapiert, wie groß das Wohnzimmer ist. Das hindert ihn aber nicht daran, regelmäßig unterm Sofa stecken zu bleiben, anstatt den für ihn zu engen Teil auszusparen. Seine Frustrationstoleranz ist unendlich, Respekt, seine Lernkurve aber verläuft extrem flach. Am liebsten hängt er dann faul unterm Sofa, wenn wir ihn nicht umgehend aus der Misere befreien können.

Das bedeutet: Wir starten ihn, bevor wir weggehen – nachdem wir sieben Stühle, ein Hundebett, x Spielzeuge vom Boden hoch- und rausgestellt haben –, und wenn wir nach 40 Minuten wiederkommen, ist er zwei Meter weit gekommen. Also Sofa von der Wand rücken oder drunterkriechen, sich durch Staub und Hundehaare kämpfen, um Putzi hervorzuholen. Arbeitserleichterung: null.

Machen wir mit dem Kaffeevollautomaten weiter. Er ist zwar nicht per App gesteuert, aber sobald das Wort „Voll“ in Verbindung mit Kaffee und Automat fällt, bedeutet es: Zicken. Kaffee gibt‘s, wenn sie es will, die Maschine alias „Zicke“. Und auch die Menge bestimmt Zicke.

Möchte ich Kaffee, entscheidet sie sich fürs Selbstreinigungsprogramm. Espresso, pronto?! Erst muss die Tresterschublade geleert werden, sofort (ich glaube, ich habe sie schon lachen gehört). Oder sie spuckt nur die Hälfte der gewünschten Menge aus und rotzt einen letzten Trotztropfen hinterher. „Da hast du ihn!“

Was sie auch beherrscht: Völlig willkürlich einfach irgendeine Menge Kaffeebohnen frisch mahlen, egal, wie viel Wasser noch dazu soll. Entweder ist Plörre das Ergebnis oder Herzkasper. Und gemahlen wird so laut, dass das gesamte Haus aufwacht und jeder Bescheid weiß: Oh, da lässt sich wieder jemand von dem Kaffeevollautomaten vorführen. Die Zicke führt ihr Eigenleben zum Glück bei den Schwiegereltern (ich habe die Zustimmung zur Anschaffung für uns bisher verweigert), aber jeder Besuch bestärkt mich in meiner Filterkaffee-Liebe.

Zurück zu Hause. Unsere Geräte haben nicht nur Namen, sie müssen bei Ankunft auch als neues Familienmitglied begrüßt werden. Mein jüngstes „Hallo“ galt dem Rasenmäher-Roboter. Auslöser war der Dschungel nach zwei Wochen Abwesenheit und der Umstand, dass Macheten aus waren.

Und weil es drinnen mit dem Saugroboter ja schon so spitze funktioniert, übertragen wir das Prinzip also auf den Garten: Johnny durchtrennt den Begrenzungsgrad, den er braucht, um zu wissen, wo er mähen soll. Wir graben einen winzigen Kanal, um den Draht unterirdisch verlaufen zu lassen. Johnny findet an einer anderen Stelle noch oberirdisch verlaufenden und: durchtrennt ihn.

Über seine Station fährt er immer wieder ungeschickt drüber, anstatt einen Bogen um sie zu machen, er fährt sich immer an derselben Stelle fest, mehrmals hintereinander. „Johnny war nicht der Schlauste in der Roboter-Schule“, musste auch mein Mann kürzlich zugeben.

Um Johnny im Auge zu behalten, wird jetzt mehr Zeit auf der Terrasse verbracht. Zeitersparnis: null. Vielleicht werde ich irgendwann heimlich mit dem alten Rasenmäher Rasen mähen – so als kleine Rebellion gegen Johnny, Putzi, die namenlosen Schreib- und Nachttischlampen, die – warum auch immer – ans WLAN angeschlossen sind, und andere technische Highlights in unserem Haus.

Zugegeben: Ich hatte auch schon Spaß damit: Das noch junge neue Google-Küchengerät, das wahlweise Uhrzeit anzeigt, Wetter vorhersagt, Rezepte vorliest, mir auf Anfrage sagt, wie es Alexa findet oder Musiktitel abspielt, kann ich übers Smartphone genauso steuern wie der Technikfan des Hauses. Als er Musik hören wollte, habe ich sie gestoppt. An – Stopp. An – Stopp, AnStopp, Anstopp,… bis zum Fluchen – „Warum funktionierst du *‘+‘%$-Teil denn nicht“? – da musste ich mich zu erkennen geben. Einer von uns fand’s witzig.

Der jüngste kleine Triumph, ohne mein Zutun: Mein Mann hat soeben dem Rasenmäher-Roboter physische Gewalt angedroht, weil er: schon wieder das Begrenzungskabel durchtrennt hat. Ich setz’ mal Kaffee auf…



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