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Von überwundener Panik und Käse als Rettung

Kampf statt Flucht

Der Hund würde mir in dieser Situation nichts nützen, das war schnell klar. Und sonst war niemand da. Ich war allein.

veröffentlicht am 02.11.2019 um 07:30 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Apropos allein, ich liebe die Szene aus dem Film „Cast away – Verschollen“, in der Tom Hanks sich am Strand sehr männlich, nach größter Verzweiflung nahezu irre vor Erleichterung, archaisch auf die Brust trommelt und in die Nacht schreit: „Ich. Habe. Feuer. Gemacht!“ Was ihm sein Leben gerettet hat.

Auch ich war also auf mich allein gestellt und dazu gezwungen, über mich hinauswachsen, um normal weiterleben zu können. Es traf mich unvermittelt, morgens, zu einer Zeit, zu der ich schon zum Bus hätte aufbrechen müssen, und es traf mich schwarz auf weiß. Ich war auf den emotionalen Abgrund, der sich gleich auftun würde, vorbereitet, doch was dann passierte, war neu.

Kein Kreischen, kein Zittern, keine Panik, kein schneller Puls (o.k., vielleicht ein kleines bisschen schneller), keine Leere im Kopf, die so gänzlich nutzlos ist, wenn man darin nach Lösungen suchen muss. Ein Hauch mehr Adrenalin als sonst war womöglich im Spiel. Hilferufe überflüssig (war ja kein anderer da). Ich drehe mich um, will instinktiv abhauen (Flieh!), werfe einen Blick zurück, überlege kurz und entscheide mich gegens Kneifen (Kämpf!). In der Abstellkammer greife ich zu dem, was Rettung verspricht: nein, nicht zum Luftgewehr, nur zum Besen. Oder Staubsauger? Nee, nee, nee, davon hat man ja schon die dollsten Sachen gehört.

Ach, was soll’s, ich mach’s kurz – Stimme laut, tief, Kopf hoch, Brust raus: Ich. Habe. Spinne. Weggemacht! Ich! Ganz allein. Jahaa! Sie verdrehen die Augen? Das täten Sie nicht, wenn Sie an meiner Stelle wären. Ich habe schon auf Klodeckeln gestanden und um 23 Uhr eine Nachbarin angerufen, damit die runterkommt, um eine Spinne zu beseitigen. Ich konnte schon nicht schlafen, nachdem mir, Horror!, einmal beim Gesichtabtrocknen ein fettes, haariges Exemplar aus dem Handtuch purzelte. Ich musste mich schon gegen den Garten entscheiden und drinbleiben, weil sich mir auf der Terrasse eine in den Weg gestellt hatte. Und wenn er da ist, macht selbstverständlich mein Mann die Spinnen weg. Jetzt das!

Vor meinem Sohn habe ich mich stets einigermaßen unbeeindruckt gegeben, um meinen Ekel vor Spinnen nicht zu übertragen, sieben Jahre lang – dass ich dabei jedes Mal ahne, dass Kinder, wie Hunde, sicherlich jedes µ Angst riechen (und das irgendwann ausnutzen) – geschenkt. Seine besten Freunde werden die achtbeinigen Tiere aber trotz allem nicht mehr. Neulich hat er geträumt, dass er eine Vogelspinne essen sollte. Und ich soll zu ihm gesagt haben: „Verzier sie dir doch mit Käse.“ Dann sei ich draufgetreten, hätte den Fuß wieder hochgenommen und darunter sei nur noch ein Pilz gewesen.

Ein Zeichen, dass ich langsam ein entspannteres Verhältnis zu Spinnen entwickeln könnte? Ein Hinweis darauf, doch besser immer ausreichend Streukäse im Haus zu haben? Ein Wink, dass alles, was ich ihm vorsetze, nur mit Käse zu genießen ist? Oder dass am Ende immer Pilze die Oberhand gewinnen? Jedenfalls habe ich die Spinne, eine stattliche schwarze Hauswinkelspinne, von der Wohnzimmerwand (siehe erster Satz – da wäre der Hund nämlich nicht hochgekommen) auf den Besen krabbeln lassen. (Allein die Wortkombi „Spinnen“ und „Krabbeln“ löst Ekel aus.)

Ich habe den Besen aber nicht unter Ur-Schreien zur Angstüberwindung weit von mir geschmissen, sondern bin ganz langsam und gesittet mit ihm nach draußen (nein, nicht geritten) gegangen und habe sie in die Freiheit entlassen. Sicherlich nicht aus Gründen des Tierschutzes – bestimmt wäre sie lieber im Warmen geblieben – sondern getrieben von blanker Angst, sie könnte mich, wenn ich sie gewähren lasse, an anderer Stelle in einem unschuldigen Moment völlig kalt erwischen (siehe Handtuch). Ganz ehrlich: Die Motivation könnte mir nicht egaler sein, es zählt das Ergebnis!

Stolz, dopamindurchflutet, gehe ich seither durch die Welt und fühle mich so – erwachsen. Mutig werde ich die Herausforderungen des Lebens annehmen. Ha! Als nächstes probiere ich mal einen Regenwurm, also, probiere, ihn anzufassen. Notfalls mit Käse drauf.



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