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Die Provinz hat den Metropolen nun einiges voraus

Kaff ist King

Wie geht’s?“ „Och, geht so.“ Sich gegenseitig die Ohren vollzuklagen, hat nach mehr als einem Jahr des gemeinsamen deprimierenden Pandimierens wirklich jeden Reiz verloren. Doch Kommunikation ist immer eine Frage von Sender und Empfänger.

veröffentlicht am 01.05.2021 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 02.05.2021 um 12:40 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

Wenn also Freunde aus größeren Städten die „Wie geht’s?“-Frage senden, schwinge ich mich mitunter sogar zu einer – nach den Möglichkeiten meines westfälisch-niedersächsischen Temperamentes – überschwänglichen Reaktion auf: „Ganz gut eigentlich.“

Denn die Krise hat ihre Gewinner und Verlierer. Kontaktbeschränkungen, geschlossene Straßencafés und all die anderen Schließungen treffen den vor gut anderthalb Jahren noch so hippen Großstadtbewohner härter als die meisten von uns kauzigen Provinzlern. In härtester Lockdown-Zeit, ist die coole Boutique und das schnuckelige libanesische Restaurant nur noch irgendeine verschlossene Glastür am Bürgersteig. Die Pandemie macht aufregende Großstädte zu einem nutzlosen Haufen Beton voller gelangweilter Maskenträger.

Doch der Wald mit all seinen Pfaden bergauf wie bergab, mit Bächlein und Lichtung hat immer geöffnet, die Terrasse im eigenen Garten liegt noch genauso zur Cappuccino-Zeit in der Frühlingssonne wie vor zwei Jahren, als wir „Corona“ noch allein für den Namen einer etwas albernen Biersorte hielten.

Irgendwann in unserer Biografie wurde die Nähe zu Wald- und Feldweg wichtiger als die zu Café und Club, also ging’s raus aufs Land. Richtig abgebogen, drängt sich da heute als Fazit auf. Ein großes „Ätsch, bätsch“ also an all die Wahl-Hannoveraner, Wahl-Hamburger und Wahl-Berliner? Das würde mir nur unnötig Übernachtungsmöglichkeiten verbauen. Aber so ein bisschen Aufrechnen ist erlaubt, oder? Wir haben ja gerade sonst so wenig zu tun.

Was haben wir Dörfler – auch ohne Pandemie - zu bieten? Als erstes fällt mir immer eine Szene ein, die vor rund zehn Jahren spielt. Mein noch sehr kleiner Sohn wird im Buggy abends am hannoverschen Ernst-August-Platz entlanggeschoben. Ein Polizeiauto rast mit Blaulichtgewitter vorbei, die Sirene gibt alles und fährt als kurzer Schock in die Eingeweide. Unser Dorfkind im Kinderwagen bleibt gelassen und ordnet sachlich zu: „I-aah, i-aah – der Esel!“ Eselgeschrei – als kleiner Schock in die Eingeweide fahrend – kannte er bestens. Sehr kompetent, fand ich damals. Klar, nun lässt sich einwenden, dass es durchaus Vorteile hat, nicht nur die kompetente Reaktion auf Esel (gelassen bleiben, keine Kinderfinger ins Maul halten), sondern auch die auf Polizeiautos (stehen bleiben, gestohlene Süßigkeiten fallen lassen) im Repertoire zu haben. Aber das hat bis zum Kindergarten Zeit.

Man lernt auf dem Dorf eben so Vieles. Mein erstes Verständnis für unser Kanalnetz gewann ich in sehr jungen Jahren, als ich auf die Idee kam, mit meinem Kindergartenfreund für das aus einem Gully quellende so schön cremig-braune Wasser einen Staudamm zu errichten. Sein Vater klärte uns in deutlicher Ansprache auf – auch sehr kompetent.

Heute weiß ich ohne fremde Hilfe, wie Wildschweinspuren auf der Wiese aussehen, wie Gründünger und wie ein glyphosatgespritzes Feld. Gut, mit meinem Knowhow in diesem Bereich sollte ich besser nicht angeben. Als sich mein kleiner Sohn wenig später schwerpunktmäßig für landwirtschaftliche Gerätschaften interessierte, hielt er „Eggeoderso“ für ein gängiges Fachwort. „Was ist das?“ „Eine Egge oder so.“ Wir kennen uns aus auf dem Land.

Doch diese Anziehungskraft der Großstädte ist ohnehin vorsintflutlich. Der große Gleichmacher Internet hat – soweit das Glasfasernetz reicht – längst das Kommando übernommen. Die neue Netflix-Serie kennt Bäntorf so schnell wie Berlin, Fotos vom Mars sieht Höfingen-Texas in etwa so schnell wie Houston, Texas. Und arbeiten können wir offenbar ohnehin zu Hause. Viele zumindest.

Also alles „ganz gut eigentlich“? Schon. Obwohl: So ein richtig feistes Großstadtwochenende – Cafés, Essen gehen, Kultur und Shoppen inklusive – das täte schon mal wieder richtig gut. Vielleicht sollten wir die Metropolen doch noch nicht ganz aufgeben.



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