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Das Gautschen – diese jahrhundertealte Tradition wird gepflegt

Jünger der Schwarzen Kunst

Hameln. Die Buchdrucker haben von jeher einen besonderen Stolz auf die jahrhundertealte Kunst ihres Handwerks gehabt. Der Beruf des Schriftsetzers und des Buchdruckers war früher ein reiner Handwerksberuf – und von denen, die die Buchdruckerkunst erlernen wollten, wurde ein besonderer Grad an Bildung verlangt. In früheren Jahrhunderten hatten die Buchdrucker einen sehr engen Kontakt mit der Geisteswelt, also mit Akademikern und Studenten. So kam es, dass dadurch mancherlei Zunftbräuche der Drucker mit Gebräuchen zusammenhingen, wie sie damals von Studenten gepflegt wurden. Diese Bräuche haben sich bei den Studenten und den Buchdruckern bis in die heutige Zeit in ähnlicher Form erhalten.

veröffentlicht am 11.05.2013 um 06:00 Uhr

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Der Begriff „Gautschen“ entstammt der Sprache der Papiermacher und bezeichnet das Ablegen des nassen, frisch geschöpften Papierblattes vom Handsieb auf einen Filz, wobei das Wasser herausgepresst wird. Heutzutage versteht man unter Gautschen das Pressen des Papiers, der endlosen Papierbahn, am Ende der Siebpartie in der Papiermaschine, dabei läuft das überschüssige Wasser heraus.

Gautschen in der Buchdruckerzunft ist ein uralter Brauch, der sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und sich bis in unsere heutige Zeit erhalten hat.

Schriftsetzer und Buchdrucker erhalten die Wassertaufe „ad posteriorum“ und feiern ihr Gautschfest. Sie bewahren damit ein Stück Geschichte. Altmeister Johannes Gutenberg spielt dabei eine große Rolle als Vorbild eines ehrenwerten Handwerkers. Er hat die Kunst des Druckens erfunden, die für die Kornuten, so werden die Gautschlinge in der Fachsprache bezeichnet, ein schöner Beruf geworden ist.

Meister und Gesellen nehmen seit Jahrhunderten die Lehrlinge nach Abschluss der Lehrzeit mit dem Brauch des Gautschens in ihren Kreis auf. Symbolisch sollen hierbei die jungen Gesellen von den Sünden der Lehrzeit reingewaschen werden. Für diesen feierlichen, aber auch fröhlichen Festakt sind als besondere Akteure ein Gautschmeister, ein Schwammhalter und Packer dabei – das sind gestandene Meister und Gesellen der Druckerzunft.

Der Gautschmeister spricht zunächst folgende Sätze:

„Packt an, Gesellen! Lasst seinen Corpus posteriorum

fallen auf einen nassen Schwamm, dass triefen beide Ballen.

Der durstgen Seel’ gebt einen Sturzbach oben auf.

Das ist dem Sohne Gutenbergs

die allerbeste Tauf’. Hinein!“

Dann kommt es zum eigentlichen Gautschakt. Dabei zeigen sich die Packer gnadenlos und tauchen den Kornuten in ein mit kaltem Wasser gefülltes Fass. Sie ziehen ihn auch wieder heraus, tauchen ihn wieder unter, so oft, bis das Sündenkonto, das sich während der Lehrzeit gefüllt hat, abgewaschen ist.

Nun gilt es, einen kühlen Schnaps ex herunterzuspülen.

Der Gautschling erhält zur Erinnerung an die Gautschfeier einen kunstvoll gestalteten Gautschbrief mit den Unterschriften des Gautschmeisters, des Schwammhalters, der Packer und vieler Zeugen.

In früherer Zeit war die sorgfältige Aufbewahrung des Gautschbriefes besonders wichtig, da bei Betriebswechsel vom neuen Arbeitgeber zuerst nach dem Gautschbrief und erst dann nach dem Gesellenbrief gefragt wurde. Konnte der Bewerber keinen Gautschbrief vorzeigen, musste er ihn in Form von Hochprozentigem erneut teuer erstehen.

In der heutigen Zeit, in der es die Berufe Schriftsetzer und Buchdrucker schon gar nicht mehr gibt, werden Offsetdrucker, Mediengestalter und Vorstufentechniker nach erfolgreicher Beendigung der Ausbildungszeit durch den Gautschprozess in die Gesellenschaft aufgenommen. In Hameln, wo heute auch die Schaumburger Tageszeitungen gedruckt werden, hat das Gautschen im Druckgewerbe schon eine lange Tradition, wurde doch früher direkt nach der Lehrzeit im Hinterhof der Druckereien gegautscht.



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