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Wenn’s allzu stressig wird in dieser Zeit, dann ist das Gemüse schuld

Jede Menge Flötentöne

Neulich war es mal wieder soweit: Ich hatte Sozialkontakt. Nicht unbedingt widerwillig habe ich mich in die Freundesvideokonferenz begeben, die nach – sagen wir es behutsam – reichlich Abnutzungserscheinungen im Lockdown ja nur noch einmal monatlich stattfindet. Man hat ja sonst (immer noch) nicht so viel.

veröffentlicht am 06.03.2021 um 09:00 Uhr

Aber was soll’s: Es gibt ja Aussicht auf Besserung und zum humorigen Austausch passt’s ja dann dennoch. Frage an alle eingangs der Vi-Ko: Und was habt Ihr so erlebt im Februar? Stille. Öhm. Ja, wie jetzt? Dasselbe wie immer, du Schlaumeier! Nicht viel Neues, wir warten halt auf Erleuchtung.

Beim Gespräch über all die Paradoxien, die diese Zeit so hervorbringt – von Impfhoffnung und Stoffknappheit, von Homeoffice und Schülerbetreuung, die nebenher erledigt wird, von Textaufgaben, bei denen besser der Text gefehlt hätte, oder von Urlaubsplänen, die am besten vielleicht noch gar nicht geschmiedet werden sollten, weil du dich noch mit den Hotel-Gutscheinen von ausgefallenen Reisen förmlich zuschmeißen kannst, fällt mir ein, dass die Bierindustrie ihren rapide gesunkenen Absatz im Coronajahr 2020 beklagt hat.

Ganz ehrlich, ich hatte bei diesem Gedanken tatsächlich erst die erste Dose Bier auf, doch zu diesem Zeitpunkt immerhin schon den Eindruck gewonnen, dass die Menschheit nach ihrem Homeoffice-Feierabend irgendwie noch nie so viel gesoffen hat wie derzeit. Und mir kamen nahezu reumütig die Worte meiner lieben Gattin in den Sinn: „Wochentags kein Alkohol!“ Das regte sogleich leichte Verzweiflungsanzeichen bei mir, die aber glücklicherweise schnell wieder verschwanden: Du kannst es jetzt aber auch wirklich nicht allen recht machen, sagte ich mir. Punkt. Ist halt alles ein bisschen paradox zurzeit.

Wenns statt ums Trinken ums Essen geht, dann ist aber der Spaß definitiv vorbei! Damit spielt man nun echt nicht. Noch so ein Ding aus der Videokonferenz: Da ist einem Kind doch aufgetragen worden, im Homeschooling mal ‘n bisschen zu basteln. Yeah, Abwechslung im tristen Schulalltag.

„Baut aus einer Karotte eine Blockflöte“ hieß dieser von Kreativität und Einfallsreichtum berstende Arbeitsauftrag, der allerdings im realen Lockdownleben bedeutete, dass Mutter die Telefonkonferenz mit der Arbeit verpasste, weil sie beim Schnitzen des Möhrchens irgendwie die Zeit vertrödelt hat – und Vater wieder die halbe Nacht im Keller verbringen musste, weil er nicht den passenden Bohrer im Chaos des Werkzeugschranks fand. Stimmung im Eimer. Das Ende vom Lied auf der Flöte: Bei all dem Familienstress hätte Kind sich sicher gewünscht, doch einfach bloß ein bisschen Mathe machen zu dürfen.

Immerhin weiß ich nun, dass es tatsächlich ein „Wiener Gemüseorchester“ gibt. Youtube gibt Aufschluss. Ratsch, Ratsch, Matsch: Die Sambagurke ist eben eine echte! Virtuose Freude kommt auf bei Kulturbeflissenen, wenn sich Selleriebongo und Porreegeige im Gleichklang bewegen, die Aubergine triefend an den Kürbis klatscht und der Star der Ensembles grandios am Rettich brilliert! Eindeutig Geschmackssache. Mehr sage ich dazu nicht, will’s mir nicht noch weiter verspaßen mit der lieben Gattin. Die fordert nämlich auch: „Mehr Gemüse auf den Teller!“ Hoffentlich nur wochentags…

Nun war’s das auch mit den Erlebnissen der Woche. So viel passiert ja eben doch nicht. Liebe Biertrinker und Gemüseskeptiker, da Ihr in der Mehrzahl Männer („Fleisch ist mein Gemüse“) sein könntet, denkt dran: Am Montag ist Frauentag. Nur zur Erinnerung. Es müssen ja nicht gleich Rosen sein… aber Dosen wohl besser auch nicht. Habt Gattins mahnende Worte im Sinn: Montag ist ein Wochentag! Und irgendwie beschleicht mich schon jetzt das Gefühl, dass uns das gesamte Kreativ-Orchester erneut im Kochtopf begegnen könnte…



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