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Sitzen, schlafen, laufen: Alles ist elektrisch

Immer unter Strom

Nein, ich befürchte, das wird nichts. Das mit der Klimarettung meine ich. Nicht wegen dieses dösigen Klimagipfels in Madrid. Nicht wegen Trump, der Kohle- und Öllobby oder wem auch immer. Oder sagen wir besser: nicht nur wegen denen. Ich denke da jetzt eher an dieses ständige Surr, Summ und Blink um uns herum.

veröffentlicht am 07.12.2019 um 08:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Schalten wir (klick!) kurz mal gedanklich rund 30 Jahre zurück. Hätten wir damals geahnt, wofür wir heute so Strom benötigen? 30 Jahre – so lange wissen wir aufmerksamen Zeitungsleser übrigens schon, dass da dieses globale Erwärmungszeug auf uns zukommt. Eine der größten technischen Errungenschaften scheint seitdem dennoch zu sein, Sachen elektrisch aufzumotzen, die vorher ganz wunderbar ohne Strom funktioniert haben. Und ich rede jetzt nicht vom Kochen auf dem Induktionsfeld statt über der offenen Feuerstelle – so wie damals, in der Höhle, nach der Mammutjagd. Wer denkt nicht gern daran zurück? Doch so ein Lagerfeuer in der Etagenwohnung hat nun mal seine Tücken, bleiben wir also ruhig beim Elektroherd.

In anderen Fällen hatten wir vor wenigen Jahrzehnten aber wohl alle nicht erwartet, dass man für sie eines Tages Kraftwerke betreiben muss: Der Tretroller bekam sein „E“ für „Elektro“, nachdem es das Fahrrad – oder auch „Bike“ – längst hatte. Und schon waren zwei brillant simple wie emissionsfreie Fortbewegungsmittel Verkaufshits – als rollende Stromfresser mit einer Zukunft als Problemschrott.

Aber es gab ja noch ganz andere Überraschungen: Wenn so mancher vor dem Fernseher sitzt, saugt nicht nur der Fernseher Strom, sondern auch das Sitzen. Genauer: der Sessel. Beine hoch, Lehne nach hinten, sanfte Massagen, alles möglich. Nur klimaneutral ist das entspannte Sitzen damit halt nicht mehr unbedingt.

Schlafen auf elektronisch verstellbarem Untergrund bieten dieselben Hersteller auch gern an. Und das keineswegs nur für Bettlägerige, sondern für uns alle: Damit wir entspannter auf dem – klar – E-Book elektrische Bücher lesen können. „Bücher brauchen keinen Strom“, stand vor Jahrzehnten mal auf einem Jutebeutel. Als Werbung des Buchhandels. Wir schicken mal kurz ein elektrisch verstärktes Hohnlachen in die Vergangenheit.

Bei ganz anderen Bettaktivitäten hilft dann vielleicht noch irgendein surrendes Ding aus dem Amorelie-Adventskalender – oder so. Wer sogar dafür zu müde ist, lässt sich von einer Einschlaf-App in den Schlaf lullen – Stromverbrauch bis in den Tiefschlaf.

Smartphones – klar. Sie sind generell die Speerspitze der Über-Elektrifizierung. Wer wissen will, wie das Wetter ist, guckt aufs Handy, nicht – wie früher mal – aus dem Fenster. Und wenn ich dann mal weg von allem will, so ganz allein raus in die Natur, dann joggt das Phone gerne mit, misst die Strecke, und sagt mir alle paar Minuten mit Roboterstimme das Tempo an. Davon werde ich dann nicht schneller, aber der Akku wird leerer. Über die Kopfhörer singt derweil Stevie Wonder irgendwas aus den frühen 70ern. Seit damals hat sich unser Stromverbrauch pro Kopf übrigens fast verdoppelt.

Und natürlich ist kein Ende in Sicht: Es gibt keinen Gegenstand, kein Produkt, das sich nicht durch ein bisschen Surr, Summ und Blink verfeinern ließe. Elektrische Seifenspender, elektrische Babyschaukeln, elektrische Fahrradklingeln. Auf jedes neue Windrad – so scheint’s mir – kommt zwanzigfach neuer stromfressender Schnickschnack im Online-Shop. Welche Energiewende soll gegen uns ankommen?

Doch halt: Eine Gegenbewegung rollt natürlich schon heran, der freie Markt ist ja nicht blöd: Unplugged und batterielos wird bestimmt schon bald das neue heiße Ding. Nützliches mit Kurbeln und Hebeln – zum selbst Bewegen. So haptisch aufregend, so sinnlich, so Greta. Eigene Anstrengung – sogar abseits unserer komplett verkabelten Fitness-Lounge – kehrt zurück. Das Stück Seife im Wachspapier ebenso. Klar, ein bisschen teurer als der ganze Elektroschrott ist das alles dann schon. Aber: Unser Planet dürfte es uns wert sein. Ich google gleich mal, was es da Neues gibt …



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