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Die bewegte Geschichte des Hauses Neue Marktstraße 13

„Ich führe ein trauriges Leben“

In dem großen Hauskomplex Neue Marktstraße 13 befand sich seit langem eine Getreidehandlung. Um 1900 übernahm der aus dem Lippischen stammende Max Frankenstein das Geschäft. Nach seinem frühen Tod 1923 teilte seine Witwe Emilie mit den drei Kindern Charlotte, Ilse und Werner das Haus in Wohnungen auf und lebte von den Mieteinnahmen.

veröffentlicht am 09.03.2015 um 06:00 Uhr

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Sohn Werner besuchte das Gymnasium für Jungen. Er erinnert sich an Freundschaften, aber auch an üble Beleidigungen. Einmal habe ein Mitschüler ihm, dem „dreckigen Juden“, ein Stück Seife schenken wollen.

Im Alter von 15 Jahren verließ er die Schule, um bei den „oka“-Teppichwerken eine Schlosserlehre zu absolvieren. Werner Frankenstein stand hinter dem Plan der Zionisten, in Palästina eine „jüdische Heimstatt“ aufzubauen. Wenig verband ihn mit Deutschland, wo der Antisemitismus stark zugenommen hatte. Der unmittelbare Anlass zur Emigration war eine Festnahme wegen „Führerbeleidigung“ am 31. März 1933 und ein mehrtägiger Aufenthalt im Hamelner Gefängnis.

Weil er ein Handwerk gelernt hatte, gelang es dem jungen Mann vergleichsweise leicht, die Dokumente für eine Einreise nach Palästina zu bekommen. Für sechs britische Pfund brachte ihn ein Schiff samt seiner geliebten Querflöte von Triest nach Jaffa in Palästina.

Das Haus Neue Marktstraße 13 in einer Aufnahme von 1925 als Getreidehandlung …

1938 gelang Ilse, verheiratete Sander, mit Mann und Sohn die Ausreise in die USA. Mit allen Mitteln versuchte sie, Mutter Emilie und Schwester Charlotte nachzuholen. Erst in letzter Minute - im August 1941 - verließen beide Europa über den Hafen Marseilles. Zurück blieb Selma Frankenstein, eine Schwester von Max.

1939 hatte die Stadtverwaltung das Haus als „Judenhaus“ ausgewählt. Hier wurden nun die Hamelner Juden, isoliert von der nichtjüdischen Bevölkerung, auf engstem Raum untergebracht. Um „arische Häuser“ „judenfrei“ zu machen, forderte die Verwaltung Vermieter auf, Mietverhältnisse mit Juden zu kündigen.

Anfang 1941 lebten im „Judenhaus“ 17 Personen, die Mehrzahl alt, viele alleinstehend, häufig verwitwet.

Die Menschen mussten Telefon, Führerschein, Fahrräder, sogar das Haustier abgeben. Jede Ortsveränderung mussten sie eigens beantragen. Die Einkaufszeit war auf eine Stunde am Tag beschränkt. Sie lebten in bitterer Armut: von der Substanz, von gegenseitiger Hilfe, auch von heimlich gewährter Unterstützung. Seit 1. September 1941 mussten alle über sechs Jahre alten Juden den „Judenstern“ tragen. Scham und Angst ließen sie nun kaum noch die Straße betreten.

Am 13. Dezember 1941 schrieb Selma Frankenstein an ihren nach Palästina ausgewanderten Neffen Werner: „Wir sind alle gesund. Ich einsam und verlassen, führe ein trauriges Leben. Ein Wiedersehen mit Euch hoffnungslos. Selma.“

Wie die anderen Bewohner des Hauses auch wurde Selma deportiert, am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt und von dort am 23. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka.

Werner Frankenstein zog einen Schlussstrich unter seine deutsche Herkunft und nannte sich in Palästina Israel Paran. 1941 meldete er sich zur jüdischen Brigade der britischen Armee, um sich am Kampf gegen Nazi-Deutschland zu beteiligen. Seine Einheit wurde an der italienischen Front eingesetzt. Nach Kriegsende richtete sie Camps für die Aufnahme von überlebenden Juden ein. Damals sah Werner Frankenstein alias Israel Paran die ersten KZs.

Er besuchte auch die Stadt, die er zwölf Jahre zuvor im Zorn verlassen hatte. Er fand das Haus, in dem er geboren war; Nachbarn erkannten ihn, und er erkannte sie. Er besuchte den zerstörten Friedhof und fand den Grabstein seines Vaters zertrümmert. Anstelle der Synagoge sah er einen Gemüsegarten. Sein Eindruck von den Deutschen war damals: Keiner habe etwas getan, niemand etwas gewusst. „Trotz der Niederlage wollten sie nicht verstehen, was mit ihnen geschehen war.“

Der Besuch in Hameln zu seinem 80. Geburtstag 1991 fiehl versöhnlicher aus. Er starb 1999 im Alter von 88 Jahren in seiner neuen Heimat Kfar Yedidya in Israel.

Am 29. Januar 2015 legte der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus fünf Stolpersteine, einen für die ermordete Selma, vier weitere für die vertriebenen Mitglieder der Familie Frankenstein.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de



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