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Der Weg vom Homeoffice zurück in die Gesellschaft

Hilfe für Corona-Kaspar Hauser

Neulich, auf dem verantwortungsbewusst durchgelegenen Sofa, während ich mich so aufs „Danach“, ohne Corona, mit richtigen Menschen um mich herum freue, wird mir plötzlich klar: Ohne Hilfe wird das nichts! Auslöser für die Erkenntnis war der Dialog mit der Nachbarin: Sie, sieht mich an der Haustür: „Oh, geht‘s dir nicht gut? Hast du Schmerzen?“ Ich: „Hä, wieso, nee?!“ Sie: „Du siehst so fertig aus.“ Ich: „…“

veröffentlicht am 20.02.2021 um 12:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

“ Es folgten Schweigen, Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche und ein Blick in den Spiegel – der Prozess bis zu diesem Bild muss ein schleichender gewesen sein…

Seit fast einem Jahr sitze ich zu Hause am mehr, eher weniger aufgeräumten Esstisch mit Laptop statt vor großem Bildschirm, versuche den unpassenden Abstand zwischen Sitzhöhe und Tischkante mit diesem oder jenem Gegenstand anzupassen. Am Anfang, damals, im März 2020, hatte ich das Bücherregal vor Augen. Irgendwann bin ich voll abenteuerlustig umgezogen, auf die gegenüberliegende Seite und habe jetzt die Vitrine vis-à-vis. Warum ich das erzähle? Vielleicht, weil ich nichts anderes ERLEBE?!! Vielleicht, weil der Perspektivenwechsel eine der größten Abwechslungen war in meiner Homeoffice-Höhle, von den verschiedenen Themen, die ich bearbeitet habe, abgesehen. So gesehen, war ich viel draußen unterwegs, gedanklich. Auf einem Ponyhof, an der Hochschule, im Krankenhaus, in Offenbach, im Gesundheitsamt, in Kindergärten, an diversen Schulen, in Quarantäne war ich sogar in echt (macht das Leben nicht gerade aufregender), … Telefon, Zoom, Teams nur mit der allernötigsten persönlichen Kontaktaufnahme, ganz vernünftig, um mein Scherflein zur Pandemieeindämmung beizutragen. Das Resultat: Ich bin null vorbereitet, wenn die Zeit gekommen ist, da ich wieder hinaus muss in die Welt außerhalb dieser vier Wände. Ich bin: ein Corona-Kaspar-Hauser.

Die dicken Wollsocken, die ich anziehe, um im Wohn-Büro keine kalten Füße zu bekommen – wie machen die sich denn wohl in den blauen Veloursleder-Pumps? Kann ich zu dem Kleid, das ich aus dem hintersten Winkel des Schranks hervorkramen müsste, die braunen Birkenstock, Modell Boston, tragen? Und was ist mit den Leggings? Ist es Pflicht, etwas Längeres darüber anzuziehen, oder muss man einfach nur souverän genug sein, um den komfortablen Look „Alles, was unterhalb der Tischkante ist und von der Kamera nicht erfasst wird, geht niemanden was an“ in der Fußgängerzone zu präsentieren?

Zähne putzen? Ja doch, keine Hektik, is’ ja noch nicht mal 13 Uhr! Und Haare trocknen? Schaffe ich sogar manchmal vor Konferenzstart. Überhaupt – jeden Tag zu duschen, soll ja gar nicht so gut sein. Ob ich strenger rieche als früher? Schulterzuck; hat mich noch niemand darauf aufmerksam gemacht. Dass alle Abstand halten, hat ja (glaube ich) andere Gründe. Kinder sind für Manöverkritik hinsichtlich Optik und Geruch zu sehr mit sich und ihren Aufgaben beschäftigt. Und mein Mann? Nun ja, seine Antwort „Ach, sieht man gar nicht“ auf meinen Hinweis „Guck mal hier, jetzt sieht man die grauen Haare bei mir so richtig“, spricht Bände. Entweder ist er a) selbst Opfer der Homeoffice-Nussschale, b) er weiß gar nicht, welche Haarfarbe ich mal hatte c) er ist durch und durch höflich d) er weiß aus Erfahrung, wann Lügen ein probates Mittel sind und Leben retten können… Ob ich innerhalb des letzten Jahres Ausraster hatte? SIE ETWA NICHT? (Wie sich so ein Tobsuchtsanfall wohl in der Öffentlichkeit macht?)

Und wie begrüßen sich doch gleich Menschen, also, wenn sie in der Fußgängerzone aufeinandertreffen? Ich seh’s kommen: Dann steht da plötzlich jemand direkt vor mir und ich träller’, wie Hunderte Male innerhalb eines Jahres im Homeoffice: „Dewezet, Hansen-Höche, guten Tag…“ Vielleicht winke ich freundlich. Und sag so was wie: „Hej, das Bild ist voll scharf! Gute Verbindung heute! Ich höre dich auch gut.“

Ungeniertes Gähnen, unvermittelter Rülpser nach Sprudelwasser, freies Kratzen an und in der Nase – was bei ausgeschalteter Kamera und ausgeschaltetem Mikro im Notfall möglich ist, kann auf der Bühne des Lebens schnell Ruf- schädigend sein. Wir halten fest: Ich habe keine Ahnung mehr, wie das da draußen funktioniert und wünsche eine stufenweise Wiedereingliederung. Schritt für Schritt, erst zur Körperhygiene und stilsicheren Kleidung, dann umfassende Knigge-Tipps für Corona-Homeoffice-Opfer.

Irgendwann kann ich bestimmt wieder auf die Menschheit losgelassen werden, ohne unangenehm aufzufallen. Und bis die Zeit reif ist, dass Mundschutz nicht mehr als „must have“ gilt, übe ich schon mal, den Spinat zwischen den Frontzähnen mit Zahnseide rauszuhebeln. Bei ausgestellter Kamera, versteht sich.



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