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Fagus sylvatica forma suntalensis, die Urpflanze aus dem Süntel / Germanen ritzten Ritualzeichen ein

Hexenbäume – selten, seltsam und sehr alt

Bad Münder. Die Buchen im Weserbergland, Deister und Süntel, sind für die Forstwirtschaft „Brotbäume“. Sie bringen gutes Geld, denn das wertvolle Stammholz ist international stark nachgefragt, weil es sich durch besonders geraden Wuchs auszeichnet. Eine Buchenart fällt jedoch aus dem Rahmen des gewohnten Bildes, die Süntelbuche (Fagus sylvatica forma suntalensis). Laut digital-nature.de handelt es sich nach dem heutigen Stand der Forschung „um eine genetische Mutation, entweder durch Veränderungen in der Umwelt oder zufällig hervorgerufen“. Sie wurde früher Hexen- oder auch Teufelsbaum genannt. Auf dem Dachtelfeld, oberhalb von Hülsede und auf einer streng geschützten Anlage in der Feldmark von Nettelrede sind wertvolle Nachzuchten gepflanzt worden. Eine 150 Jahre alte Süntelbuche steht auf dem Gelände des Verwaltungsgebäudes Steinhof in Bad Münder. Stattliche Exemplare gibt es auch in der Nähe der Kuranlagen Bad Nenndorf, im Volkspark Lauenau sowie auf dem Gutshof in Luttringhausen. Die Besonderheit dieser Baumart ist ein völlig gekräuselter Wuchs. Die Stammhöhe ist zumeist nicht einmal halb so hoch wie die der Rotbuchen in den Forsten. Die Äste wachsen gedreht, nicht selten von oben herab in die Erde und von dort wieder empor zum Licht. Das hat sie in früherer Zeit als Hexen- und Teufelskram in den mystischen Bereich gebracht. Die Bäume werden unter guten Bedingungen 300 Jahre alt. Es gibt Exemplare, die sollen sogar weit über 500 Jahre Bestand haben. Nur wenige findet man heute als Naturverjüngung neben Altbeständen. Der Versuch, Nachzuchten aus Bucheckern zu ziehen, war erfolglos. Aus 20 Kernen entsteht – vielleicht – nur eine Krüppelbuche. Um diese Baumrarität zu erhalten, haben sich Experten mit der vegetativen Vermehrung (Zellteilung) und der Pfropfung auf normale Buchenunterlagen versucht. Das brachte gute Erfolge. Das Forstamt Hessisch Oldendorf/Langenfeld hat 500 Jungbäume ausgepflanzt. „Es hat“, so Udo Mierau, „bei allen Nachzuchtversuchen erhebliche Schwierigkeiten und Verluste gegeben. Nicht selten war daran auch die Trockenheit der Böden schuld und trotz regelmäßiger Bewässerung sind etliche Pfropfungen wegen Wassermangels abgestorben.“ Udo Mierau, Eimbeckhausen und Gregor Kuhn, Bad Münder, haben sich seit vielen Jahren mit dem Erhalt und der Besonderheit dieser uralten heimischen Baumart beschäftigt. Fachartikel haben Professor Dr. Friedrich Lange, Nettelrede, Stadtbaumeister Gottfried Kastl, Bad Münder, und Ralf Schröder, Bad Nenndorf, sowie Gerhard Döning aus Erlangen geschrieben. Udo Mierau hat ein weltweites „Baumkataster der Süntelbuche“ herausgegeben.

veröffentlicht am 23.12.2011 um 06:00 Uhr

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Viele magische Geschichten ranken sich um diese Bäume. Eulen, Feen, Kobilde, Hexen und Magier werden mit dem Zauber- und Wunderholz in Verbindung gebracht. Als die germanischen Stämme in dieser Region lebten, wurden geheime Ritualzeichen in die Rinde geritzt. Zu späterer Zeit mieden die Bewohner den Aufenthalt im engsten Umkreis dieser Bäume. Erst in unseren Tagen war die Angst vor Hexenspuk verschwunden. Das hat zur Folge, dass immer wieder Bäume bestiegen, Äste abgerissen oder auch – wie am Steinhof in Bad Münder – mit Farbe beschmiert worden sind. Der Baumfrevel wird streng bestraft und schädigt diese heimischen Urpflanzen, die ohne Ausnahme irgendwann im Bereich der Westeregge im Süntel ihre Herkunft haben. Alle Bäume stehen heute unter Naturschutz. Wanderer wie Forscher bleiben oft vor den urigen Buchen stehen und lassen ihre Gedanken spielen. Besonders in der blattlosen Zeit kann man den seltsamen Wuchs der Äste gut sehen, von denen einige Exemplare sich auch in den USA sowie in nordischen Ländern finden. Ein ganz besonderes Exemplar steht auf der „Radener Wiese“ bei Gut Nienfeld. Es ist die Tilly-Buche, unter der im 30-jährigen Krieg der Feldherr gerastet haben soll. Ein weiteres riesiges Exemplar, das einen Stammdurchmesser von 4,20 Metern hat, steht im Niendorfer Wald. Hier müssen sich Besucher tief bücken, um unter die Krone treten zu können. Man sagt, dass so der Mensch dem Baum die Ehre erweisen muss.

In besonderer Weise hat die Familie von Münchhausen zum Erhalt der seltenen Süntelbuchen beigetragen. Udo Mierau: „Wenn eine geborene von Münchhausen geheiratet und ihr Elternhaus verlassen hat, so bekam sie immer auch eine dieser Buchen mit. Die wurde dann im Park des neuen Lebensraumes gepflanzt und erinnerte an die Heimat.“ So gibt es in einigen Landschaften Süntelbuchen und auch in manchem Arboretum findet man eines der seltenen Exemplare. Viele stammen aus den Nachzuchten von Udo Mierau und Gregor Kuhn. Die Baumschule Kewel in Eldagsen hat eine große Anzahl Jungpflanzen herangezogen, die in heimischen Forsten, aber auch Privatgärten ausgepflanzt werden. Sie werden vielleicht irgendwann einen Kronendurchmesser von gut 20 Metern haben, das muss man schon beim Setzen der Reiser berücksichtigen.



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