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Warum klinisch Tote mit Elektroschocks wiederbelebt werden können

Herz unter Strom

Hameln. Martin M. (Name geändert) sitzt morgens am Küchentisch, als er plötzlich vom Stuhl rutscht und leblos auf dem Fußboden liegen bleibt. Der 56-jährige Hamelner atmet nicht mehr. Seine Frau greift sofort zum Telefon, wählt die Nummer 112. Vier Minuten später trifft ein Notarzt-Team ein und stellt Herzkammerflimmern fest. Mit Stromstößen wird das unkontrolliert zuckende Herz, das nicht mehr pumpt, zunächst einmal „ausgeschaltet“. Das Flimmern ist dann weg. Kurz darauf fängt das Herz von allein wieder an, zu schlagen – und es findet sogar zu seinem alten Rhythmus zurück. Den Rettern ist es gelungen, den klinisch Toten wiederzubeleben. Strom, der Leben rettet? Was passiert bei einer sogenannten Defibrillation (lateinisch de „ab“, „weg“ und englisch fibrillation ‚Flimmern‘)? Die Defibrillation beschreibt die Wiederherstellung einer geordneten Herstellung der Herzerregung durch einen gezielt abgegebenen Stromstoß von der Oberfläche des Brustkorbes oder durch eingepflanzte Geräte, die über spezielle Sonden im Herzen Stromstöße abgeben können. Die Herzkammer flimmert, der Stromstoß führt zu einer Erlöschung der elektrischen Erregung des Herzens. Ganz bestimmte Herzzellen bauen dann wieder einen elektrischen Impuls durch komplizierte Mechanismen an der Zellwand auf. Dadurch kann der ursprüngliche Herzrhythmus wieder einsetzen.

veröffentlicht am 08.11.2013 um 06:00 Uhr

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Der sogenannte plötzliche Herztod durch ein Flimmern der Hauptkammern (Kammerflimmern) spielt eine große Rolle. Durch Erkrankungen des Herzens und durch plötzliche Gefäßverschlüsse – wie beim akuten Herzinfarkt – wird ein Chaos in der Herzerregung ausgelöst, das zu einem kompletten Pumpverlust des Herzens und damit zum Tod führt.

Ärzte defibrillieren auch, um das im Vergleich zum Kammerflimmern harmlosere Vorhofflimmern zu beseitigen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts gelang es erstmals bei Hunden, Kammerflimmern mit elektrischen Stromstößen zu beseitigen. Die erste erfolgreiche Defibrillation am geöffneten Brustkorb wurde 1947 durchgeführt. 1960 gelang es erstmals an einem Patienten von Gottlieb Freisinger, Kammerflimmern durch einen elektrischen Stromstoß zu beseitigen.

Nicht unerwähnt soll die Anekdote eines englischen Bauern bleiben, der Herzunregelmäßigkeiten durch Berühren seines elektrisch geladenen Weidezaunes beseitigt haben soll.

Am Anfang waren die Defibrillationsgeräte große Türme, die kaum bewegt werden konnten. In kurzer Zeit war der Weg zu transportablen Geräten geebnet, die den Einsatz im Rettungsdienst ermöglichten.

Der Amerikaner Mirowski erkannte die Möglichkeit, durch eine Verkleinerung des Gerätes und spezielle Sonden, die anfänglich mit einer großen Herzoperation auf das Herz aufgenäht wurden, die Defibrillatoren anfangs unter Bauchhaut, später unter dem Brustmuskel zu implantieren.

1980 erhielt der erste Patient in den USA ein solches Gerät, zwei Jahre später wurde in Deutschland der erste implantierbare Defibrillator eingesetzt. Durch eine rasche Weiterentwicklung (die ersten Geräte hatten ein Gewicht von annähernd 250 Gramm; heute wiegen sie nur noch zirka 50 Gramm) und der Entwicklung von speziellen Sonden, die in das Herz geschoben werden können, ist der atemberaubende Weg zur Behandlung des plötzlichen Herztodes zu einem Routineverfahren geworden. Diese Geräte erhalten nicht nur Patienten, die eine bösartige Rhythmusstörung überlebt haben, sondern auch solche, die ein deutlich erhöhtes Risiko für den plötzlichen Herztod durch ihre Herzerkrankung aufweisen.

Sehr innovativ ist die Entwicklung von Sonden, die nicht mehr ins Herz eingeführt werden müssen, sondern durch eine Einpflanzung unter der Haut über dem Herzen Rhythmusstörungen analysieren und durch Elektroschock-Abgaben beseitigen können.



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