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Vom geheimen Leben der Spatzen

Gut zu Vögeln

Wissen Sie, was Vogelfutter kostet? Wahrscheinlich nicht. Denn entweder füttern Sie keine Gartenvögel oder Sie tun es – und dann ist Ihnen der Preis egal. Drei Klumpen Gold für einen Saatenmix, der in Kürze eine Marihuana-Plantage unter dem Vogelhäuschen sprießen lässt? Egal – das ist es wert!

veröffentlicht am 27.03.2021 um 12:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Schließlich geht es uns beim Vögelfüttern nicht so sehr um Artenschutz oder Tierliebe, sondern um das immens gute Gefühl, etwas Gutes zu tun. Der Glückskick des Samariters.

Ich bin jedenfalls gerne (kicher) gut zu Vögeln. Aber ich bin mir nicht jederzeit sicher, ob das meine freie Entscheidung ist. Ich meine: Haben Sie schon einmal längere Zeit zugesehen, was dort am Vogelhaus so vor sich geht? Eine rhetorische Frage, klar. Jeder der so ein Futterhäuschen besitzt und befüllt, tut das wohl regelmäßig: selbstvergessen starren. Da kommt einer geflogen, da flattert einer davon. Aber um mal präziser zu werden: Spatzen. Was wissen wir wirklich über Spatzen?

Spatzen treten in großen Gruppen auf und räumen ab. Manchmal leeren sie die Futterstellen so effektiv, dass wir daheim schon spekulierten, dass sie vielleicht – sobald wir uns umdrehen – Körner eilig in kleine Pappkartons verstauen und palettenweise an einen geheimen Ort ausfliegen. So kontrollieren Sie das Vogelfutter-Business in diesem Teil des Dorfes komplett.

Meine Frau pflanzte das Bild von Spatzen in mein Hirn, die bei ihrer Arbeit mit winzigen Klebebandabrollern hantieren (nennt man das so – bei Flügeln?). Ich bin es nie wieder losgeworden. Sollte ich eines Tages vergessen, Futter nachzulegen, gehe ich fest davon aus, dass eine Gruppe finster dreinblickender Sperlinge auf unserer Fußmatte stehen wird: Ich solle umgehend die Lieferung wieder aufnehmen, sonst könnten sie für die Sicherheit meiner Familie nicht garantieren, zwitschern sie mir grimmig mit kleinen scharfen Schnäbeln. Ja, ich vermute da kriminelle Strukturen.

Aber, ach, ich mag sie trotzdem. Das Federkleid unscheinbar, der Durchsetzungswille groß. Und diese drolligen Staubbäder, die sie ständig nehmen. In der trockenen Erde unseres Tomatenhauses hinterlassen die kleinen Spatzen und Spätzinnen – sie sind ja auf die Schnelle oft nicht zu unterscheiden – auf diese Weise kleine vogelgroße Mulden. Niedlich.

Klar, früher einmal lebten Mensch und Sperling in offener Feindschaft: Im 18. Jahrhundert hatte das gemeine Volk eine „Spatzensteuer“ zu entrichten. Das hat nun aber nichts mit unseren regelmäßigen Zahlungen für Plastiksäckchen voller Körner gemein. Nein, es musste eine bestimmte Zahl von Spatzenköpfen (zugegeben: auch die von Elstern und Krähen) abgeliefert werden, um so den Kampf gegen die pfiffigen Saatgutfresser voranzutreiben. Garstig.

Und auch heute braucht das Spatzen-Image offenbar die eine und andere Politur. Bei der ersten öffentlichen Wahl zum „Vogel des Jahres“ gewann kürzlich: das Rotkehlchen. Eine Frage des Outfits, denke ich.

Der Haussperling hingegen wurde – obwohl omnipräsent – gerade mal Sechster. Sogar noch hinter der Stadttaube. Ich habe in den letzten Tagen kein Rotkehlchen mehr am Futterhäuschen gesehen. Dafür sind die Mulden im Tomatenhaus nun wieder planiert. Vielleicht sollte mich das beunruhigen.



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