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Alle nörgeln am Wetter rum – wie gut, dass wir es nicht ändern können

Friederike und die Politik

Haben Sie schon gehört? Die Politik nimmt das Wetter in ihre Parteiprogramme auf.

veröffentlicht am 26.01.2018 um 17:42 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Die CDU verspricht Wohlfühlklima durch konstante Temperaturen. Die FDP sieht eine Stärkung der Bekleidungsbranche durch wochenlangen Dauerregen. Die SPD behauptet, soziale Unruhen könnten durch Abschaffen der Jahreszeiten beseitigt werden. Die Grünen sind gegen den Schnee, nur, weil er weiß ist. Die AfD lässt das Raumklima in den eigenen vier Wänden überprüfen und führt eine Norm für die Luftfeuchtigkeit ein. Die CSU verschenkt Vitamin D in Überdosis, bis allen übel wird. Und die Linken, ja, die sind der Meinung, jeder müsse über sein Wetter selbst bestimmen dürfen.

In den sozialen Medien wird gegen die gehetzt, die durchgängig mediterrane Temperaturen einführen wollen, um endlich Grillmeisterschaften mit Wettergarantie durchführen zu können – wo bleibt da der gute deutsche Winter, so wie er früher einmal war?

Bürgerentscheide werden gefordert, Online-Petitionen eingereicht. Die Anzahl der Regentage soll auf maximal 100 im Jahr beschränkt werden, eine Obergrenze für Temperaturen bei maximal 26,5 Grad eingeführt. Schon gehen Nudisten auf die Straße und fordern Hitze – wenigstens einmal im Jahr. Kämpfer für Kälte können sich gegen die Schön-Wetter-Fraktion kaum durchsetzen.

Senioren erinnern sich an stürmische Zeiten, als Kyrill und Friederike noch wenigstens für kurze Zeit die Menschen im Griff hatten und sie wenigstens für ein paar Stunden zu demütigen Nichtstun zwangen.

Alles Utopie?

Obwohl niemand etwas daran ändern kann, weil es eben kein Wetterministerium gibt, weiß jeder etwas zum Wetter zu sagen: zu kalt, zu warm, zu nass. Dass wir in einer gemäßigten Zone leben, ohne Dürre, Erdbeben oder Tsunamis, völlig egal, über das Wetter lässt sich auch bei uns vorzüglich jammern.

Ja, ok, die Folgen von Stürmen und Hochwassern sind nicht witzig und auch hierzulande sind Menschen durch Friederike zu Tode gekommen. Allerdings: Der letzte vergleichbare Sturm liegt elf Jahre zurück. Das Klima ist von Menschenhand gemacht; nicht aber das Wetter.

Das Wetter gehört zu den täglichen Nachrichten wie Zähneputzen, ob nun als Schlagzeilen-Verursacher oder als Vorhersage. Ein paar Schneeflocken, und die Schule fällt aus.

Das Wetter hat Macht. Eigentlich ein Wunder, dass die Politik sich das Wetter noch nicht zu eigen gemacht hat. Obwohl – die Oderflut war ja an späteren politischen Entscheidungen nicht ganz unbeteiligt.

Das Wetter ist immer Thema, ob beim Kaffeeklatsch unterm Heizstrahler an der Seepromenade, es füllt das Sommerloch der Zeitungen, nicht zu vergessen die Forschungsberichte über die nahende Klimakatastrophe. Und ab und an gibt es einfach ein paar ganz unpolitische, friedliche Posts bei Facebook. Vom Regenbogen. Von verschneiten Landschaften. Oder Eiskristallen am Fenster. Wenigstens darauf ist noch Verlass.

Deshalb: Nehmt den Leuten nicht auch noch das Wetter! Das Wetter kann man nicht bestechen oder gar kaufen, es ist frei von Ideologie oder Modetrends. Es ist weder weiblich noch männlich, es ist neutral.

Am Ende haben wir wohl alle Glück gehabt, dass die Politiker in Berlin gerade mit anderen Dingen beschäftigt sind. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich niemand Friederike zunutze gemacht hat. Obwohl: Ein bisschen frischer Wind könnte gerade in Berlin nicht schaden.



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