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Auswirkungen eines Schnelltests

Freiheitsstress

Da müssen gerade viele durch: Was, wenn der Test positiv ist? Schlimm. Aber wenn er negativ ist, ist es auch stressig…

veröffentlicht am 08.05.2021 um 15:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Stress? Kann ich. Also, kann ich haben. Corona lässt mich, wie andere auch, stressbezüglich zu Höchstform auflaufen. Ein Teufelskreis: Stress – wegen Corona im Allgemeinen, wegen zu wenig Schule, zu viel Zuhause, zu wenig umarmte Freunde, wegen zu viel Sitzens und zu wenig Bewegung, wegen daraus resultierender Stressfettröllchen rundherum – da braucht man Nervennahrung, die Röllchen werden dicker, das stresst, Corona ist immer noch da, keine Kontakte sind auch immer noch da, noch mehr Stress, noch mehr Süßes, noch dickere Röllchen, Corona, und so weiter, und so weiter. Corona beschert mir also einen hohen Puls bei gleichzeitiger Lethargie – aber, Rettung naht. Sie erhöht zwar den Stresslevel noch einmal, aber immerhin wird der Puls damit wieder an Bewegung gekoppelt. Mein Tipp gegen die weitverbreitete Pandemie-Trägheit, tadaaa: Schnelltest!

Der Schnelltest im Drive-In ist an sich schon der Stressverstärker schlechthin: „Was, wenn er positiv ist???“ Wenn aber in der „GoPass“-App auf dem Smartphone der Befund „negativ“ auftaucht, dann geht der Spaß erst richtig los. Dann zählt ein Countdown die Stunden runter im Stil von „Ihnen bleiben noch 23 Stunden und 59 Minuten. ...57 Minuten ... 50 Minuten“. Das heißt: Sie haben dank des Vorstoßes in die Nase und keiner nachgewiesenen Virenlast maximalen Druck, um die kommenden 24 Stunden Ihres Lebens möglichst vollzustopfen mit Aktivitäten, die Ihnen in den vergangenen 26 Monaten überhaupt nicht mehr in den Sinn gekommen sind.

Challenge accepted, Herausforderung angenommen! Es gibt ja Menschen, die formulieren so ziemlich jede Tätigkeit zu einer „Challenge“ um. Weil es sie anspornt, ihr Bestes zu geben. Ich dagegen finde, das Leben als solches ist Challenge genug, alles Weitere führt eher zu Schockstarre. Wie ich mit den täglichen Deadlines einer zu druckenden Tageszeitung fertig werde, wie ich Züge und Flüge und Weihnachten nicht verpasse, ist mir persönlich ein Rätsel. Aber diese ablaufende Uhr … 23 Stunden 20 Minuten … die ist wirklich schlimm. Kippe ich, bei 0 angekommen einfach um? Was, wenn ich gerade dann irgendwo bin, wo das Testergebnis relevant ist?

Möbel Heinrich – das war der Ur-Plan, mit Test, mit Termin ohne Beratung, alles online gebucht. Ganz entspannt Esstische angucken. Tatsächlich ging das auch noch gut. Zwei, drei Kunden auf 20 000 Quadratmeter – so fühlt sich Freiheit im Lockdown an. Zuhause dann wurde mir beim Blick aufs Handy schlagartig klar: Diese Freiheit endet in 22 Stunden! Dann geht es zurück, wer weiß, für wie lange? Ich habe Freizei…, nee, Freiheitsstress!

Was also noch? Was ist dran, was wolltest du schon lange machen? Denk nach! Nichts weiter?! Bist du verrückt? Bis 18 Uhr kannst du noch, dann ist Schluss, dann schließt alles, oh nein, nachts läuft die Zeit ja weiter, völlig ungenutzt, ab 10 öffnen die Geschäfte erst wieder, ab da sind es nur noch 6 (in Worten sechs) Stunden. Ach. Herr. Je. Schockstarre. Die Zeit läuft weiter. Ich berappel mich zum Glück und setze die 24-Stunden-Effizienz-Offensive fort: Mediamarkt, ha! Ein Fitness-Armband muss her, Röllchen wollen gebändigt, Schritte gezählt, Puls will kontrolliert und Stress gemessen werden. Zack, Mediamarkt, Fitness-Armband, Check. Noch was? Sag schon, was noch! Du hast nicht ewig Zeit. Beeil dich. Der Druck wird größer. Ähm, ähm, äh… ich hab’s: Schuhe! Jawoll.

Jede Erzieherin würde angesichts des Betreuungsschlüssels in dem Schuhgeschäft neidisch: drei Verkäuferin kommen auf eine, die einzige, Kundin. Das schlechte Gewissen schleicht sich mit durch die Ladentür: Muss man jetzt, heute wirklich Schuhe kaufen? Wir haben schließlich noch P-a-n-d-e-m-i-hiiiie! Die Verkäuferin, also die eine, ist es, die dem schlechten Gewissen Paroli bietet: „Hä, ja, wieso nicht? Ich würd‘s genauso machen.“ 20 Stunden 3 Minuten… Auf zum Supermarkt. Ach, da brauche ich ja gar kein negatives Testergebnis, da kann ja jeder rein und raus, wie er will. Mir reicht‘s eh, ich will nach Hause, Puls und Stresslevel kontrollieren, mit der neuen Fitness-Uhr, im Liegen. Und mich dabei der inmitten von Schuhen aufgefrischten Erkenntnis stellen, dass da etwas ganz anderes abläuft, auch ohne App. Du hast noch, vielleicht, 438 000 Stunden… was willst du tun?



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