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Frostfrust oder Frostromantik – zum Winter gibt’s mindestens zwei Meinungen

Fräulein Dingens’ Gespür für Schnee

Ach, wie sag ich’s nur? Ich habe ja durchaus gespürt, wie wichtig so vielen Menschen diese Tage nun sind. Alles ist so anders. So still, so romantisch, so verzaubert, so – äh – weiß. Paare und Familien stapfen verzückt durch die Winterlandschaft, als wäre plötzlich wieder Weihnachten – diesmal ohne das verzweifelte Warten auf den Amazon-Lieferanten und den Streit, wer denn nun trotz Corona-Auflagen noch zu Besuch kommen darf.

veröffentlicht am 13.02.2021 um 11:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Ich trau’s mich trotzdem: Ich persönlich finde Schnee im Großen und Ganzen, puh, nicht soo gut. Wenn die Familie in den Skiurlaub fährt, bleibe ich daheim. Schnee ist meistens im Weg, finde ich, macht Straßen gefährlich, Fußwege seifig, Schuhe streifig. Dazu diese biestig-bissigen Temperaturen. Mir fehle das Gespür für Schnee, sagen nun die Flockenstreichler. Das war doch mal dieser Bestseller: Fräulein Dingens‘ Gespür für Schnee. Smilla! Smilla hieß das Fräulein – dieser Winter lässt mir das Gehirn einfrieren, da sehen Sie’s. Gut möglich, dass ich mit Fräulein Smilla verheiratet bin.

Klar, wir brauchten eine Auszeit. Es musste nun einfach mal für ein paar Tage etwas anderes schuld daran sein, dass wir jetzt alle – das kann doch wohl so schwer nicht sein! – zu Hause bleiben sollten. Ausnahmsweise also mal nicht (nur) wegen Ansteckungs-, sondern (auch) wegen Ausrutschgefahr. Waren Sie sich in den vergangenen Tagen jederzeit sicher, warum Sie gerade nicht zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren? Aufregend, oder?

Konsequent im Hause bleibt bei diesem Wetter aber natürlich niemand. Raus in den Schnee! Mit Kind und Schlitten, nur mit Schlitten, ohne Schlitten – egal. Den Impuls verstehe ich. Doch beachten Sie: Schnee sieht viel besser aus, als er sich auf der Mittel- und Langstrecke anfühlt. Für sein architektonisches Konzept hat der Schnee meine volle Bewunderung.

Alles gepolstert und abgerundet, eine alles umfassende 60er-Jahre-Wohnlandschaft – ohne die poppigen Farben natürlich, das sähe schräg aus. Aber spätestens, nach zwei, drei Kilometern durch knie- oder hüfthohe Schneewehen in diesem riesigen unabgetauten Dreisterne-Gefrierfach mit Frost in den Barthaaren, tiefgefrorenen Fingern und Schneematsch in den Schuhen denke ich eben doch (mal leise, mal laut): nicht soo gut.

Bei anderen liegt die Schneetoleranzschwelle natürlich noch viel niedriger. Wenn nach den ersten fünf Millimetern Neuschnee noch vor Sonnenaufgang emsig die Schneeschieber kratzen oder gar die Schneefräsen röhren, dann ist da wohl schon eine gute Portion Schneeverachtung im Spiel. Echte Schneeromantiker – es gibt sie wie gesagt in meinem nahen Umfeld – hätten es indes gerne, dass alles einfach bliebe, wo es gefallen ist. Den Sandstrand fegt im Sommer schließlich auch kein Räumdienst zur Seite. Dass so manche Stadtstraße ihre braunweiße Matschpracht nun tagelang behalten durfte, hat mit Romantik vermutlich nichts zu tun, aber was wissen wir schon über die Romantik im öffentlichen Dienst?

Diesmal waren schließlich alle ein bisschen verdutzt: Denn der Schnee kam in Massen – und blieb. Während sonst die Rodelwiese oft schon wieder grün ist, bevor das letzte Kind seinen Schlitten aus der Garage gequengelt hat, schaltete das Weserbergland nun in den Alpenmodus. Schnee-Steilhänge am Straßen-, gut eingefahrene Rodelpisten am Dorfrand. Wer trotzdem Strecke machen, Runden wandern will, wagt sich heraus in eine arktische Wildnis. Vor Jahren habe ich mal Reinhold Messner interviewt.

Er gehe „in eine archaische, gefährliche Welt“ hinaus, sagte er damals. „Und meine Aufgabe ist es, dabei zu überleben.“ Diesen Satz vom Job des Überlebens zitiere ich manchmal – auch das: mal leise, mal laut – auf Bergwanderungen, beim Gewittergrummeln im Wald, in absurd hohen Dünen. Zitiere mit pathetischem Tremolo, der im Original des wettergegerbten Überlebensprofis natürlich gar nicht vorkam. Urlaubsspaß halt. Und jetzt? Der Hundespaziergang wird zur Polarexpedition, echte Abenteuer vor der Haustür. Gerade jetzt, wo niemand irgendwohin reisen darf. Wie nett vom Schnee. Wir werden wohl doch noch Freunde.



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