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Wie flexibel ist gut?

Flexibel wie Stahlbeton

Wenn ich meinen Mann zum Lachen bringen will, habe ich zwei Möglichkeiten, die an die Öffentlichkeit dürfen: Ich imitiere dull dreinblickende Menschen im Fernsehen, oder ich antworte auf Entweder-oder-Fragen mit: „Mir egal, da bin ich ganz flexibel!“ --- „Ja klaaar!“, platzt es aus ihm heraus, und er kann sich kaum noch halten. Diese in zwei Worte mit vielen aaas verpackte Unterstellung, ich sei so flexibel wie ein Stahlbetonträger, ist so…, so…, so, also ehrlich, diese Wahrnehmung ist doch total subjektiv.

veröffentlicht am 10.04.2021 um 09:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

An welcher Stelle der Geschichte der Menschheit wurde eigentlich erklärt, dass Flexibelsein mega ist? O.k., wenn mal kein Mammut zur Hand war, auf Beeren auszuweichen, ist schlau. Aber nahezu jede Stellenbeschreibung verlangt inzwischen danach – „…wenn Sie belastbar und flexibel sind, [hier stehen noch viele andere kaum zu erfüllende Superlative]… passen Sie super in unser supertolles ultraflexibles Team“. Und wie flexibel überhaupt? Halte ich einen Chef aus, der jeden Morgen eine andere Meinung hat und stündlich neue Marschrouten propagiert? Oder kann ich Kaffee mal magenfreundlich und mit wenig Koffein, mal Herzrasen verursachend kochen und/oder vertragen? So flexibel, dass es mir egal ist, wenn Arbeitsanweisungen von kurzer Halbwertzeit: „Ja, klar, kein Problem, streiche ich die Wand eben rot und nicht grün. Ja, und morgen gelb… Macht mir nichts!“? Oder doch auch so flexibel, dass ich entscheide, ob ich viel oder wenig arbeite? Und Fakten ganz flexibel zu handhaben, ist ja nun auch nicht gerade eine Tugend! Wie viel Flexibilität darf es also sein?

Ich gebe zu, ich habe eine unerklärlich ausgeprägte Aversion dagegen, mein Badehandtuch mit anderen Menschen (und Tieren) zu teilen. Ist das unflexibel? Und nur, weil ich kein Lamm mag, nein, auch nicht ein kleines Stückchen und nein, Leberwurst esse ich ganz sicher nicht, und nur, weil ich lieber Sonne als Regen um mich und auf mir habe – macht mich das beschimpfenswert unflexibel? Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Ich trinke lieber Kaffee als Tee, Bier als Wein, Wasser als Tonic, sehe lieber gute Filme als schlechte, ziehe die türkisen den grauen Kaffeebechern vor, und ich esse BRATKARTOFFELN zu Grünkohl und KEINE SALZKARTOFFELN! Und wissen Sie was? Das ist nicht nicht flexibel, das ist hart erarbeitete Persönlichkeit.

Als Pubertierende(r) kämpft man schwer, um sich zur eigenen Identität durchzumeißeln. Ach was, es fängt als Kind schon an. „Mama, Papa – ich hab euch so lieb“ – geflüstert, in familiärer und geschützter Atmosphäre. „Boah, sind meine Eltern blöd“ – genervt, bekommen die Freunde zu hören (Ach, was schön, so flexibel, das Kind…) In der Pubertät weiß dann keiner mehr, was er wie findet, finden soll, darf, ob er überhaupt irgendwas findet und wenn ja, wieso nicht. Totale Suppe, in der viele ein paar Jahre orientierungslos herumschwimmen. Heute (zu) sexy, morgen (zu) sportlich, übermorgen (zu) schick, (zu) still, (zu) laut, Einmischungen und Eindrücke von allen Seiten, Eltern, Freunde, Lehrer, wie ein Flipperball schleudert man von einer Meinung zur nächsten, und hat man gerade die eine angenommen, da klatscht man schon gegen die nächste und muss sich neu ausrichten.

Verwirrt, aber tapfer habe ich mich also durch jene Jahre gearbeitet. Um mich danach meinungstechnisch bis zur 40 zu schleppen und dort festzustellen: Ab 40 wird’s leichter – die Flipperkugel ist tot, es lebe der schlecht aufgepumpte Gymnastikball als Metapher, der sich nicht mehr hektisch von der Stelle bewegt. Aber, was ich eigentlich sagen wollte: Und WIE ich flexibel sein kann! Sonne, warm, wärmer, Spanien, Italien, großer Strand, kleiner Strand – so sehen abwechslungsreiche Urlaubsziele aus. Inzwischen ist sogar Römö im Repertoire, großer Strand, Sch*Kälte. Als echtes Nordlicht habe ich bei den Schwaben gelebt (des isch nu wirklich flexibel). Ich bin so flexibel (andere sagen faul), dass ich an Ostern keinen Hefezopf gebacken habe, und das dieses Wochenende nachhole. Und wissen Sie noch was?! Weil meine Waage auch äußerst flexibel ist, faste ich eben NACH Ostern, verrückt, oder?

Flexibel zu sein, ist doch ein schmaler Grat. Ein Schritt zu weit, und es heißt nicht mehr bewundernd „oh, wie toll“, sondern anklagend „heute hü, morgen hott“. Ich kaufe ja auch keine Katze, wenn ich einen Hund will. Apropos: Für die sollen Flexi-Leinen gar nicht so geeignet sein, weil sie daran angeblich nicht gut lernen, nicht zu ziehen. Katzen wär’s wohl egal. Ich schweif’ ab. Aber: Wenn alle immer flexibel sind – wer soll denn dann noch Halt geben? Wer steht dann für verlässliche Geradlinigkeit? Was das Fleisch betrifft: Andere dürfen es essen, ich muss nicht mehr jedes Mal erklärend ablehnen, darf im Gegenzug zuhause aber auch nicht mehr laut „määäääh“ sagen, wenn Lammlachse in der Pfanne braten. Also ich find’ mich da, ganz norddeutsch: bannig flexibel.



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