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Warum es für meine Seelenhygiene besser ist, nicht auszumisten

Finger weg von meinem Kleiderschrank

Ich muss wahrlich nicht jede Mode mitmachen. Ist für mich übrigens keine Frage des Alters. Dieses Nachhaltigkeitsding oder vermeintliche Ballast-Abwerfen mit der xy-Methode zum Beispiel. Entrümpeln, so heißt es, würde nicht nur der Wohnung, sondern auch der Seele guttun. Aha.

veröffentlicht am 30.01.2021 um 11:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Was bitte soll daran befreiend sein, meine guten, mit viel Mühe und Spaß erworbenen Beutestücke in einen Beutel zu tun und sie der Zweitverwertung zuzuführen? Sie zerschreddern zu lassen? Wem ist damit geholfen? Also mir sicher nicht.

Ich kann zu fast jedem einzelnen Ding eine Geschichte erzählen. Der Overall, den mein Mann an der Promenade von Rimini entdeckte und sagte: Der wär doch was für dich. Ja, ok, das ist mehr als 20 Jahre her, und obwohl ich noch reinpasse, weiß ich sicher, dass ich ihn nicht mehr tragen werde. Aber deshalb weg damit? Kommt nicht infrage. Auch der große Schal, den ich vor 30 Jahren in Florenz gekauft hab, darf bleiben. Das Animal-Print-Muster gibt es heute noch genau so. Und das Teil ist für mich mit Erinnerung verwoben.

Zugegeben, es gibt Fehlkäufe, Verwaschenes, Hosen, die nicht mehr passen, und wenn es nur der Schnitt ist, der nicht mehr in die Zeit passt. Mit dieser Ware will ich gerne meinen Beitrag zum allgemeinen Aufräum-Wahn leisten, der durch Corona irgendwie neuen Antrieb bekommen hat. Aber für den Tsunami im Kleiderschrank reicht dieses – ich nenne es mal natürliche Dahinscheiden von Textilien – natürlich bei Weitem nicht.

Tatsächlich kann ich auf die Frage „Ist das neu?“ oft ein ehrliches, „Nein, das hab ich schon lange“ entgegnen. Dieser Tipp von vermeintlichen Experten, „Sie haben es ein Jahr nicht getragen? Weg damit!“, ist für mich kein guter Rat. Manches kann sehr wohl nach Jahren noch zur Geltung kommen. Ganz aktuell gerade meine Schneestiefel, die ich vor Jahren bei einem Urlaub mit meiner besten Freundin in Winterberg erstanden habe. Wir waren so jung, und wir hatten nicht damit gerechnet, dass dort tatsächlich Winter ist.

Mir geht es eher so: Ich bereue manchmal zutiefst, ein bestimmtes Teil aussortiert zu haben. Plötzlich suche ich es, weil es doch hervorragend zu der neuen Hose passen würde. Oder die Teile, die heute wieder hip sind – die hatten wir schon mal im Schrank und haben sie dann aus welchem Grund auch immer doch aussortiert.

Naja, mir schon klar, bei meinem Hang zum Klammern muss es einen triftigen Grund gegeben haben, ausgerechnet dieses eine Teil losgelassen zu haben. Löcher oder – absolutes Nogo – ein Teil aus den 80ern. Ja, irgendwann ist der Tag der Trennung gekommen. Einziger Trost: Es gibt noch genug Auswahl.

Dabei kann ich in anderen Bereichen durchaus nachvollziehen, dass mal durchzugucken befreiend wirkt. Auch das Sortieren der Strümpfe nach Jahreszeit und Farben habe ich in diesen durch Corona bedingten Plusstunden in den eigenen vier Wänden bereits hinter mir.

Gottlob haben wir keinen Dachboden, den man entrümpeln könnte. Küchenschrank durchforsten, endlich mal wieder alle Plastikgefäße dem entsprechenden Deckel zuordnen, das kann durchaus spielerische Elemente haben und gibt einem tatsächlich ein gutes Gefühl. Aber von Aufräumen war ja auch nicht die Rede, von Wegschmeißen, Entsorgen, Entmüllen. Platz schaffen, um durchzuatmen. Ich ziehe da geschicktes Stapeln vor. Spätestens, wenn ich die nächsten Reste des Schweinebratens einfrieren will, fehlt mir doch garantiert genau diese eine Dose, die gerade in den Müll wandern soll.

In Zeiten von Homeoffice braucht man ohnehin weniger Kleidung? Warum das denn? Anfangs mag es ja noch seinen Reiz gehabt haben, in der Jogginghose am Schreibtisch zu sitzen (oder Küchentisch). Aber selbst hier hat doch der zivilisierte Mensch irgendwann wieder das Bedürfnis, sich ordentlich anzuziehen. Oder wenigstens eine neue Jogginghose zu kaufen. Die Sache mit Karl Lagerfeld hat sich doch eh erledigt.

Eine Schweizerin hat ja ein Jahr lang dasselbe Kleid getragen, also als Selbstversuch quasi. Angeblich sei es niemandem aufgefallen. Also, ganz ehrlich, ich habe da meine Zweifel. Natürlich habe auch ich mir schon mehrfach zu Jahreswechseln vorgenommen, mal ein Jahr lang auf den Kauf neuer Kleidungsstücke zu verzichten. Naja, ok, wenigstens bis Sommer. Oder, ach, bis Februar? Sie merken schon…

Ich hab nix anzuziehen – dieser angeblich typische Frauenspruch – kam mir jedenfalls nie über die Lippen. Ich bilde mir sogar ein, dass mein schlechtes Gewissen, weil ich etwas ohne Not und nur aus Vergnügen gekauft habe, stark abgemildert wird, weil ich weiß, das Teil wird mich jahrelang begleiten. Das ist doch auch irgendwie nachhaltig, oder?

Ich fange jedenfalls jetzt mal an ganz anderer Stelle an, mich zu befreien – von diesen überflüssigen Ratgebern im Bücherregal. Ordnung schaffen, mit System.



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