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Warum auch der beste Plan spätestens bei der zweiten Feindberührung scheitert

Feste, die vom Himmel fallen

In meinen Augen, liebe Leserinnen, Leser und Lesende, gibt es zwei Sorten von Menschen: Solche, die vorausplanen – und solche, die in diesem Punkt etwas verkehrt machen.

veröffentlicht am 07.08.2021 um 09:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Es ist mir ein Rätsel, wie man ohne 3-Stufen- und 10-Punkte-Pläne durchs Leben kommt. Ich wäre damit schon beim Hausputz überfordert. Aufräumen, Küche und Bad, Staubwischen, Fußböden reinigen. Exakt in dieser Reihenfolge, immer samstags zwischen 11 und 15 Uhr. Alles andere führt unweigerlich ins Chaos.

Es mag daran liegen, dass ich eine Frau bin. Frauen sagt man nach, sie hätten im Laufe der Evolution das Planen erfunden. Und perfektioniert. Wer übers Jahr systematisch Beeren und Wurzeln sammelte, Vorratsplätze anlegte und Gefahren vorbeugte, kam mit seiner Brut einfach besser durch den Winter als jemand, der sich auf ein zufällig vorbeiziehendes Mammut verließ.

An mir hat die Evolution in diesem Punkt jedenfalls ganze Arbeit geleistet und wie so oft ist das Fluch und Segen zugleich. Niemals wird es mir passieren, dass ich ohne gültigen Pass und einer Reiseapotheke am Flughafen stehe, in der ein Pflaster das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Auf der anderen Seite – und leider ist es diese Seite, die mir aktuell sehr zu schaffen macht – werde ich nervös, wenn an einem beliebigen Dienstag noch nicht feststeht, wo und wie ich den übernächsten Freitagabend verbringen werde.

Sie können sich vielleicht vorstellen, dass mich die Corona-Zeit auch aus diesem Grund mehr als einmal an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hat. Denn: Die größten Feinde des Plans sind die äußeren Umstände. Im vergangenen Jahr habe ich mit aller Macht versucht, gegen steigende und sinkende Inzidenzwerte, ständig wechselnde Verordnungen, drohende Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen anzuplanen. Alles vergeblich. Egal, ob Wochenendtrip oder Familienfeier, auch die akribischsten Vorbereitungen wurden fast immer von einer Realität eingeholt, die ich nicht beeinflussen konnte.

Also trainierte ich um und mutierte vom Marathonläufer zur Sprinterin. Statt eines ganzen Monats benötigte ich bald nur noch wenige Tage Vorlauf, um beispielsweise ein passables Wochenendprogramm auf die Beine zu stellen. Ich lernte, wie man Gäste höflich, aber bestimmt ein- und wieder auslud und dass es nur ein paar Meter Schleifenband braucht, um aus einer vorschnell angeschafften Kiste Wein Mitbringsel für ein komplettes Halbjahr zu zaubern.

Ich veranstaltete Mini-Cocktailpartys am Weserufer, Grillabende im Tiefschnee und unternahm mit wachsamem Blick auf die Infektionszahlen halbspontane Ausflüge in so exotische Städte wie Halle/Saale, anstatt ins Ausland zu verreisen. Ich muss gestehen, dass ich ziemlich stolz auf meine Leistung und meine Anpassungsfähigkeit war. Ich bildete mir sogar ein, Generalfeldmarschall von Moltke Lügen strafen zu dürfen. „Kein Plan überlebt die erste Feindberührung?“ Ha, von wegen!

Spätestens im Juni 2021 musste ich dann allerdings erleben, wie sich die Schlachtordnung zu meinen Ungunsten veränderte. Geblendet von meinem Hochmut, hatte ich nicht damit gerechnet, dass es noch komplizierter kommen könnte. Das tat es aber, als der Sommer kam. Oder vielmehr: Nicht kam. Oder noch genauer: Nur manchmal kam. Unter Planungsaspekten ist ein steigender Inzidenzwert das eine, eine völlig unberechenbare Wetterlage aber noch mal etwas GANZ anderes. Was für einen Kontrollfreak wie mich schon im Normalfall ärgerlich wäre, stellt unter Pandemiebedingungen eine schier unlösbare Herausforderung dar. Wie – zur Hölle! – soll man coronakonforme Freizeitaktivitäten planen, wenn noch nicht einmal morgens feststeht, wie das Wetter am Abend wird? Von zwei Tagen Vorlauf ganz zu schwiegen.

Nach der ersten Beachparty für zwei, die ich statt auf der Terrasse in meinem Esszimmer feiern musste, mit Eimerchen, Schäufelchen und einer Tüte Vogelsand als Tischdekoration, kann ich Ihnen verraten, wie die Antwort lautet: Gar nicht. Man kann sich nur gut vorbereiten – und die Feste dann so feiern, wie sie (im schlimmsten Fall vom Himmel) fallen.

Mittlerweile kenne ich einige sehr lauschige Unterführungen, in denen das Feierabendbier fast genauso gut schmeckt wie an der sonnigen Weserpromenade. Ich habe ein paar Cocktailrezepte entwickelt, die sich ganz hervorragend für einen Transport in der Thermoskanne eignen, falls die Abendsonne doch noch unerwartet durch die Wolken bricht. Jüngst habe ich nach wasserfesten Kartenspielen und mobilen Höhensonnen im Rucksackformat gegoogelt, um jederzeit einsatzbereit zu sein.

Und wenn mich der Frust doch einmal übermannt, denke ich an den Hausputz, der immer noch in verlässlicher Reihenfolge an jedem Samstagvormittag erfolgt. Außerdem denke ich an Höhlenweibchen und vermute, dass auch sie wohl nicht nur planen, sondern außerdem jede Gelegenheit spontan beim Schopfe packen mussten, um mit ihrer Sippe gut durch den Winter zu kommen. Für einen verregneten Sommer unter Pandemiebedingungen dürfte Ähnliches gelten.



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