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Warum ich coronabedingt immer öfter den Igel mache

Evolution in Jogginghosen

Ich denke neuerdings sehr viel über Igel nach. Die kleinen Tierchen sind nicht nur putzig. Sie haben außerdem ganz erstaunliche Fähigkeiten, von denen man als Mensch gerade in Zeiten von Corona eine Menge lernen kann.

veröffentlicht am 06.02.2021 um 10:00 Uhr

Juni

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Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Wird es dem Igel zu ungemütlich, rollt er sich in seiner Igelburg zusammen und tut etwas sehr Vernünftiges: Er schläft. So muss er keine Energie auf nutzlose Aktivitäten verschwenden. Er muss nicht einmal darüber nachdenken, ob er überhaupt Lust auf Aktivität hätte, und falls ja, auf welche. Er muss sich auch nicht darüber ärgern, dass eine bestimmte Aktivität witterungsbedingt gerade unmöglich ist. Und er muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn er einfach mal gar nichts tut.

Mutter Natur hat es gut mit dem Igel gemeint. Er ist, so denke ich jedenfalls, wahrscheinlich das zufriedenste Tier auf Erden. Der Winter kommt, der Igel pennt – und wacht erst wieder richtig auf, wenn der ungemütliche Teil vorbei und alles in bester Ordnung ist. Ich stelle mir diese Strategie so komfortabel vor, dass ich seit einiger Zeit versuche, es dem Igel gleichzutun. Eine bewusste Entscheidung war das allerdings nicht, sondern eher ein schleichender Prozess der Anpassung an widrige Umstände. Eine Art individuelle Evolution im Zeitraffertempo, hervorgerufen durch veränderte Umweltbedingungen.

Alles begann damit, dass ich mir um den ersten Advent herum eine Jogginghose kaufte. Anfangs bildete ich mir noch ein, diese Entscheidung aus modischen Gründen getroffen zu haben. Rückblickend betrachtet war das gute Stück aber wohl doch mein Äquivalent zum igelschen Winterspeck: eine kluge Vorbereitung auf das, was noch kommen würde. Und tatsächlich: Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Stoffwechsel verlangsamte, sobald sich die labbrigen Bündchen um meine Fesseln schmiegten.

Als der zweite Lockdown meinen Terminkalender leerte, mich meiner gewohnten Freizeitaktivitäten beraubte und mich schlussendlich ins Homeoffice zwang, war ich bestens vorbereitet. Meine Schrittgeschwindigkeit hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon so weit reduziert, dass ich mit dem Gang zum Altglascontainer einen ganzen Spätnachmittag füllen konnte. Alsbald erwarb ich weitere Fähigkeiten, die das mentale Überleben im Corona-Winter wahrscheinlicher machten. So lernte ich beispielsweise (fast) im Schlaf, wie man im Liegen eine Excel-Tabelle erstellt und mit welcher Kamera-Einstellung auch ungekämmtes Haupthaar in der Videokonferenz noch einigermaßen vorteilhaft zur Geltung kommt.

Schon nach kurzer Eingewöhnungszeit war ich außerdem in der Lage, das morgendliche Aufstehen in ein vollwertiges Zehn-Minuten-Workout umzudeuten. Folgerichtig reduzierte ich sonstige sportliche Betätigungen wie etwa das Staubsaugen auf ein absolutes Minimum, um mich nicht zu überfordern. Ich gönnte mir Ruhe, wann immer es ging, und erholte mich am Wochenende vom Nichtstun, indem ich auch noch das Nachdenken einstellte. Stand heute würde jeder Igel angesichts meines Sonntagsprogramms (Faulenzen, Federbett & Fernsehen) vor Neid erblassen.

Wozu auch aufstehen, wenn es nichts zu tun gibt? Wozu aufräumen, wenn kein Besuch kommen darf? Und wozu Pläne für die Zukunft schmieden, wenn beim nächsten politischen Gipfeltreffen wieder nur ein paar Wochen vorausgedacht wird? Jeder Igel weiß, wovon ich rede. Auch er ist dem Winter hilflos ausgeliefert und kann nicht mehr tun, als das Beste daraus zu machen. Und er weiß: Ein zu frühes Erwachen ist das Schlimmste, was ihm passieren kann.

Trotzdem schläft er keineswegs den ganzen Winter unbekümmert durch, sondern streckt immer mal wieder hoffnungsvoll die Nase aus seiner Burg. Nur um frustriert festzustellen, dass der Frühling weiter auf sich warten lässt.

Aber irgendwann, so viel ist sicher, wird er kommen. Als Vorbereitung auf den großen Moment werde ich ab sofort regelmäßig Kniebeugen am offenen Fenster machen. Zwei bis drei pro Woche sollten für den Anfang reichen.



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