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Mitte 40, die Midlife-Krise fast überwunden – was soll schon noch kommen? Ein Kind!

Es ist ein Mädchen

Seid gegrüßt, Ihr lieben Rentner! Seit ein paar Tagen verstehe ich Euch wohl ein bisschen besser. Besonders beim Autofahren. Ihr, die Ihr ja überwiegend (und gefühlt ausschließlich) in euren Luxus-Wohnmobilen sitzt, die einem derzeit wieder am laufenden Band auf der Straße begegnen.

veröffentlicht am 29.05.2021 um 11:00 Uhr

Lars Lindhorst

Autor

Ressortleiter zur Autorenseite

Wenn ich beim nächsten Mal selber in Schwiegervaters Straßenkreuzer sitze, den er mir gutmütig ausgeliehen hat, dann werde ich ganz sicher nicht mehr so peinlich berührt sein, wie es sonst der Fall und die Regel ist. Nein, auch ich werde von nun an begeistert beim Begegnungsverkehr am Steuer meinen Arm in die Höhe strecken und Euch enthusiastisch grüßen. Das macht man ja so unter (gealterten) Wohnmobilisten.

Aber inzwischen sind wir nicht mehr nur Mitglieder einer großen Camper-Familie. Wir sind jetzt mehr – auch wenn mich persönlich noch gute 20 Jahre von der Rente trennen. Seit drei Tagen, behaupte ich, sind viele von uns nun Verbündete im Geiste, Streiter für die gemeinsame Sache, Teile einer Schicksalsgemeinschaft: Großväter und -mütter.

Vor drei Tagen ist das eingetreten, was ich zuvor neun Monate lang erfolgreich verdrängt habe. Die Familie hat mich zum Großvater gemacht – plötzlich und unerwartet, ziemlich überraschend.

Seit drei Tagen tut mir übrigens auch das Knie weh, ich habe im Spiegel meine Falten an den Augenrändern gezählt, weiß jetzt definitiv, was Krähenfüße sind, und ich glaube, ich vertrage keinen Alkohol mehr. Beim Arzt war ich auch schon. Der Blutdruck ist zwar in Ordnung, sagt er, aber sicher ist sicher, wer weiß, was jetzt alles noch kommen mag.

„Du bist nicht alt, du fühlst dich nur so“, bläut mir die liebe Gattin seit nunmehr drei Tagen ein. Sie hat wohl recht. Auch ich werde mich mit Mitte 40 mit dieser neuen Rolle nicht nur abfinden, sondern ganz sicher auch anfreunden können (Ach, was hab ich geheult vor Glück vor drei Tagen.).

Es gibt ja genügend Beispiele: Kid Rock, David Beckham, mein eigener Schwiegervater… frühe Großväter, die nicht den alten Weisen im Lehnstuhl mimen brauchten. Das macht Hoffnung – ganz besonders am Steuer eines geliehenen Wohnmobils. Etwas irritiert hat mich gestern dennoch die automatisch ausgespielte Werbung in meinem Internet-Browser: „Unterschätze nie einen alten Mann auf einem Fahrrad“, stand da auf einem T-Shirt-Slogan. Dabei habe ich doch nicht mal ein Fahrrad!

Egal – heiter vorausgeblickt: Ich freue mich schon diebisch, wenn ich den Kinderwagen schiebe und das Kind wird schreien, wie es Babys eben so machen. Dabei könnte ich – bloßes Gespinne – immer wieder sagen: „Bleib ruhig, Lars. Lars, bleib ganz ruhig!“ Und dann könnte eine ältere Dame erscheinen, die fragt: „Was hat er denn bloß, der kleine Lars?“ Dann sage ich: „Das ist ein Mädchen und heißt Freya. Der Lars, das bin ich.“

Und ich grinse dabei, wenn ich daran denke, als Opa, der ich nun mal bin, emotional nah, aber immer noch distanziert genug, die Erziehung der Eltern zu konterkarieren. Die Enkelin darf doch ganz bestimmt so einiges: länger aufbleiben, Süßigkeiten essen, lustige Schimpfwörter von Opa lernen… Ich glaube, ich sollte meinem Mädel schon bald ein erstes T-Shirt kaufen: „Opa ist der Beste!“ Mit oder ohne Fahrrad.



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