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Noch ein Stückchen Tortendiagramm?

Es gibt gute Gründe, Wahlsonntage zu lieben

Wie wird eigentlich das Wetter am Wahlabend? Wir könnten den Fernseher auf die Terrasse stellen und grillen. Wir sollten auch noch das Tippspiel vorbereiten. Und – wenn genug Lebensmittelfarbe im Haus ist – ein eigenes Tortendiagramm backen. Ja, das sollten wir.

veröffentlicht am 12.09.2021 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 12.09.2021 um 12:10 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Aber ich bin nun mal Journalist, also am Wahlabend mal wieder nicht zu Hause. Und doch – ob daheim vor dem Fernseher, auf der Wahlparty oder in der Redaktion: Ich liebe Wahlabende. In ihrer nüchternen Anmutung – Balken, Torten, Prozentzahlen – entfesseln sie immer wieder eine Dramatik, die die meisten Fußballspiele und jeden Eurovision Song Contest zu drögem Programmfüllstoff degradiert.

An diesem Sonntag beginnt der Wahlzirkus 2021 mit dem Kampf um Räte und Bürgermeisterposten in Niedersachsen. Als Bonus gibt’s am Abend noch das nächste Kanzler- oder Kanzlerinnen-Triell im Fernsehen. Denn spätestens die Bundestagswahl ist dann ja nicht weniger als Deutschlands politischer Superbowl.

Wie jeder große Tag im Jahr – sei es Heiligabend oder DFB-Pokalfinale – braucht auch so ein Wahltag seine Rituale. Das Zentrale in diesem Fall natürlich: die Wahl selbst. Wahltage sind das wohl älteste interaktive und multimediale Event der Welt. Briefwahl mag da eine feine Sache sein – so komfortabel und pandemietauglich. Doch den Besuch im Wahllokal kann sie nicht ersetzen. Damals, in meiner Kindheit, wurde noch in der verrauchten Dorfkneipe gewählt. Hinterher nahmen – man war schließlich eh gerade da – CDU-Bauern und SPD-Lehrer noch das eine und andere gemütliche Sonntagmorgen-Bier. Heute ist mein Wahllokal ein nüchterner Grundschulraum. Dennoch: Ein kurzes Hallo an die heldenhaften Wahlhelferinnen, das gebückte Lesen der Stimmzettel in der Kabine – besonders die Namen der Exoten etwa von Hip-Hop- und Vegetarier-Partei – dann ein Bleistiftkreuz und ab dafür: Seht her, ein praktizierender Demokrat, das ist nun wohl dorfbekannt. Kürzlich erzählte mir jemand, dass einst dörfliche Wahlhelfer (es spielte nicht in unserer Gegend) auch mal mit der Wahlurne vor einer Haustür gestanden hätten: „Du hast ja noch gar nicht …“

Danach entsteht allerdings ein Loch im Wahltag. Es ließe sich vielleicht damit füllen, schon mal bunte Schokodrops nach Parteifarben zu sortieren – um später mögliche Koalitionen auf dem Couchtisch auszählen zu können. Aber so richtig in Fahrt kommt der Tag erst um 18 Uhr. Hektisch wird die Familie zum Fernseher gewunken. Prognose! Erste Hochrechnung! Zweite Hochrechnung! Ein Jubeln, Ächzen und Schimpfen fährt durch deutsche Wohnzimmer – je nachdem. Für lokale Ergebnisse muss natürlich noch ein Laptop zwischen Tippzetteln und Diagrammtorte Platz finden.

Und dann all die Erklärungen und Analysen. Bei Fußballspielen ist die Lage überschaubar. Das Ergebnis steht auf der Anzeigentafel. Wer nicht gewinnt, hat im Allgemeinen zu wenige Tore geschossen und/oder zu viele kassiert. In den Nachspiel-Interviews geben sich verschwitzte Twens in Rhetorikkurs-Sätzen sehr viel Mühe, diese Tatsache hübsch zu verpacken. An Wahlabenden hingegen hat es den Anschein, als müsste das Spielergebnis erst noch in Statements und Talkrunden ausgerufen oder gar ausgehandelt werden. Sieger und Verlierer scheinen oft relativ. Oder noch unklar.

Das sorgte schon für unvergessliche Momente: Edmund Stoiber, glückstrahlend am frühen Wahlabend 2002: „Eines steht jetzt schon fest (…): Wir haben die Wahl gewonnen!“ Habt ihr nicht, Edmund. Oder noch unvergesslicher: Gerhard Schröders Alphamännchen-Brustgetrommel gegenüber der leicht irritiert blickenden Angela Merkel nur drei Jahre später. In der Elefantenrunde erklärte er der künftigen Dauerkanzlerin: „Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich da gar nichts vor!“ Doch sie wird, Gerhard, sie wird.

Aber solche Geschichten erzählen Wahlabende nun mal. Die Geschichten von fataler Ungeduld, krasser Fehlein- oder und schlimmer Selbstüberschätzung. Auch menschliche Dramen. Weinende Verlierer – buchstäblich – haben wir auch schon auf kommunaler Ebene erlebt. „Aber das ist doch nicht alles in der Politik!“, sagen Sie? „Wo bleiben da die Inhalte?“ Keine Angst, die Übertragung des mehrwöchigen Koalitionsverhandlungsfestivals beginnt gleich im Anschluss.



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