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So ganz langsam kehrt das normale Leben zurück – Szenen am Tresen

Endlich!

Das schummerige Licht spiegelt sich im glänzenden Lack des hölzernen Tresens, spielt Pingpong mit den Biergläsern, die Zigaretten stecken im Ascher, der Qualm zittert sich geschmeidig nach oben. Aus der Musikbox dudeln Crosby, Stills and Nash ihr „Long time gone“ – besser kannste Dir das nicht ausdenken.

veröffentlicht am 05.06.2021 um 09:00 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Es ist lange her, Du musst hören, was die Leute sagen, Du weißt, dass hier etwas vor sich geht …“ Endlich! Wir sind wieder da.

„Ey, hör‘ ma‘“, sagt der Uwe, zottelig und durstig wie immer, „wir woll‘n heut‘ aba nich‘ drüber reden, okay?“

„Okay. Reden wir über die wichtigen Dinge … zwei Bier bitte noch.“

„Na klar, sind doch schon in Arbeit …“

„Danke.“

Die wichtigen Dinge also. Gut. Na klar, wir bekommen unsere Freiheiten – langsam zwar, aber doch, endlich – wieder zurück. Check. Die Kneipen, die Bars, die Restaurants haben wieder geöffnet. Check. Die Menschen dürfen sich wieder begegnen, wenn auch vorsichtig, aber es geht wieder. Check. Die Kinder dürfen wieder in die Schule. Check – und wer hätte gedacht, dass es mal kollektive Freude gibt, wenn die Schule öffnet? Bislang hörte man so etwas nur, wenn die Schule geschlossen hat und es in die Ferien ging … Aber Check. Die Europameisterschaft und die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Check. Der FC Bayern ist wieder Deutscher Fußballmeister. Check.

„Ey, dat is‘ nich‘ dein Ernst“, poltert Uwe zwischen einem großen Schluck Bier und einem kräftigen Zigarettenzug. „Hör‘ ma‘, es gibt Kinder, die sind neun, zehn Jahre alt und die kenn‘ nur die Bayern als Meister. Is‘ das nich‘ verdammt langweilig?“

„Nö, warum?“ Und übrigens verstehe ich gar nicht seine Aversion. Denn eigentlich müsste doch auch der Uwe die Bayern gut finden. Ein ganz kleines bisschen jedenfalls. Ich glaube, ich habe das hier schon mal erklärt, aber man muss wissen, dass Uwes Fußballherz eben weiß-blau schlägt. Und die bayerische Flagge ist ja auch weiß-blau … – okay, ich gebe es zu, ist vielleicht doch ein bisschen weit her geholt …

„Lass dat, is‘ doch Bullshit und dat weißte och. Wenn immer nur derselbe gewinnt, musste ja keen Wettkampf mach‘n. Wär‘ ja so, als wenn bei ‘ner Wahl och immer nur derselbe gewinnen würd‘. Oda stell‘ dir vor, es gäb‘ jeden Tach dasselbe zu essen. Also jeden, verstehste?“

Ja, ist ja schon gut. „Komm, neues Spiel, neues Glück. Außerdem entscheiden wir beiden doch nicht, wer Wahlen gewinnt oder wer beim Sport Erster wird. Und das ist ja auch gut so …“

Ja, das ist gut so.

Die Kneipe füllt sich langsam, draußen ist es dunkel, die Leute freuen sich einfach, dass sie wieder raus und auch andere Menschen treffen können. Falls es eines Beweises gebraucht hätte, er ist nun erbracht: Wir sind doch soziale Wesen. Mal alleine sein mag ja ganz nett sein, doch wenn man keine Wahl hat und Wochen, Monate oder sogar Jahre mehr oder weniger abgeschottet leben soll, das macht ja doch keinen Spaß. Nein. Spaß ist anders.

Spaß ist so wie in diesem Augenblick, als diese Zeilen im Kopf entstehen, weil man ja als Reporter einfach erzählen sollte, was ist, was man sieht, hört, erlebt. Unmittelbar. Ungefiltert. Real. Schreib das einfach auf! Und ein Erlebnis ist es immer, wenn man mit Uwe hier am Tresen hockt, die Zeit vergisst, Musik hört, mehr als eine Runde quatscht und sich einfach nur treiben lässt … „Machste bitte noch mal zwei Bierchen für uns?“

„Geht klar. Aber denkt dran, irgendwann ist Schluss.“

„Ey, hör‘ ma‘“, schwallt es aus Uwe heraus, „mach‘ Dir keene Sorgen, ich sach, wenn Schluss is‘.“ Prost.



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