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Eine Redewendung und ihr Ursprung – der diesmal im alten Rom liegt

Durch Abwesenheit glänzen

Hameln. Man stelle sich vor, es ginge per Zeitreise zurück in die Schulzeit. Man sitzt gemeinsam mit seinen Mitschülern im Klassenzimmer, der Lehrer kommt herein und begrüßt alle. Es ist der Mathelehrer, Angstschweiß tritt auf die Stirn, und der Lehrer fängt an, langsam die Klassenliste durchzugehen. Einer nach dem anderen ruft „Hier!“ doch dort, wo eigentlich – man gebe ihm einen Namen – Klassenkamerad Marius „Hier!“, rufen müsste, ist es, wie so oft, still. „Ach, Marius glänzt heute mal wieder durch seine Abwesenheit“, sagt an dieser Stelle der Mathelehrer – verbunden mit einem abfälligen Blick und hochgezogener Augenbraue.

veröffentlicht am 05.09.2014 um 06:00 Uhr

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Aber Moment mal – „Durch Abwesenheit glänzen“, wie geht das eigentlich? Klar ist, wenn über jemanden gesagt wird, dass sie oder er durch Abwesenheit glänzt, dann drückt man eine ironische Kritik aus. Derjenige oder diejenige versäumt etwas nicht Unerhebliches und umgeht seine Plicht der Anwesenheit.

Der Ursprung der Redewendung liegt im alten Rom. Dort war es bei Leichenzügen üblich, die – meist metallischen – Masken aller wichtigen Vorfahren vor dem Zug herzutragen. Die ersten bekannten Persönlichkeiten, über die man sagt, sie hätten durch Abwesenheit geglänzt, waren die Caesar-Mörder Cassius und Brutus. Aus den Annalen des römischen Historikers Tacitus geht hervor, dass bei der Beerdigung von Junia die Abbilder ihres Gatten Cassius und ihres Bruders Brutus nicht mitgeführt wurden, da die Erinnerung an die beiden Senatoren ausgelöscht werden sollte.

Cassius und Brutus führten die Verschwörung zur Ermordung von Gaius Julius Caesar an. Im Jahr 44 v. Chr. wurde dieser schließlich in einer Senatssitzung mit 23 Dolchstichen ermordet. Doch dass ihre Masken bei dem Trauerzug von Junia fehlten, erregte viel Aufmerksamkeit.

Der französische Dramatiker Marie-Joseph Blaise de Chénier beschreibt ihr Fehlen in seinem Drama über den römischen Kaiser Tiberius so: „Brutus und Cassius glänzten durch ihre Abwesenheit.“ Und so war die Redewendung geboren.

Übrigens glänzen Verstorbene auch heute noch manches Mal. Bernd Kutzner vom Bestattungsinstitut Kutzner erklärt: „In manchen Kulturen kommt es vor, dass ein Angehöriger das Bild der oder des Verstorbenen zur Beisetzung trägt.“

Das passiere aber eher selten, fügt der Bestatter hinzu. Üblicher sei es da, dass bei der Trauerfeier ein Bild am Sarg oder der Urne stehe.

Totenmasken aus dem alten Rom – sie haben mit der heute noch verwendeten Redewendung zu tun.dpa



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