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Poststelle, Gefangenenlager, Kolonialwarengeschäft: das ehemalige Gasthaus Pfennig in Baarsen

Dorfmittelpunkt mit langer Tradition

Im 17. Jahrhundert gab es in allen Dörfern der Grafschaft Pyrmont sogenannte Krüge, in denen auch gebraut wurde. Damals gab es in Thal den Krug des Hans Mansen, in Oesdorf den Krug des Ludolph Dehmel, in Holzhausen den Krug des Hans Steinmeier, in Hagen den Krug des Martin Hilker, in Großenberg den Krug von Heinrich Ellermann, einen Krug in Neersen und in Baarsen den Krug des Försters Caspar Nebelsiek. Daneben gab es noch eine Reihe von Branntweinbrennern.

veröffentlicht am 27.07.2015 um 06:00 Uhr

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Sie alle mussten jährlich einige Groschen Steuern an den Amtmann in Pyrmont abliefern. Nach dem Tod eines Betreibers erlosch das Krugrecht meist und wurde wieder vergeben. Erst im 19. Jahrhundert entwickelten sich Gaststätten im heutigen Sinne. Am 21. Oktober 1829 erhielt der Wirt Georg Pfennig in Baarsen die Erlaubnis, mit Tabak und Pfeifen zu handeln. Pfennig besaß das Haus Nr. 48. 1733 hatte dort, „auf dem Garten“ des Johann Bernd Steinhage, der Ziegelmeister und Kleinkötter Johann Heinrich von der Heide aus Mosterholz einen kleinen Hof begründet. 1780 erwarb Johann Bernhard von der Heide das Haus und heiratete die Nachbarin Anna M. Lüning. Seit dieser Zeit gehörten beide Häuser zusammen. Erbin war die Tochter Anna Elisabeth von der Heide, die 1807 Johann Heinrich von der Heide, genannt Paucks (1774-1844), heiratete. Dieses Ehepaar erwarb 1828/29 ein Eigentum in Reher und verkaufte die Häuser an ihren Schwager Georg Pfennig. 1829 erbaute er ein neues Haus mit einer Wirtsstube. Seit dieser Zeit hieß das Gasthaus Pfennig.

Es wurde zu einem der Dorfmittelpunkte, in dem der Wirt am 29. Mai 1886 für einige Jahre auch eine Nebenstelle des Postamtes eröffnete. Damals gehörten zum Zustellbezirk auch die Baarsener Ortsteile Finkenkamp, Butze und Lüdenberg. Beim Gastwirt Friedrich Pfennig konnte man einen Liter Schnaps für 75 Pfennig kaufen. Für Feierlichkeiten wurde die Gaststätte um einen Saal erweitert, in dem Hochzeiten gefeiert wurden und viele Beerdigungskaffees stattfanden. Im Juli 1940 wurde in dem Saal ein Lager für 20 bis 40 Kriegsgefangene eingerichtet. 23 Kriegsgefangene, acht Polen, acht Sowjetbürger und sieben Serben, sind namentlich bekannt. Sie wurden von zwei Männern bewacht und arbeiteten tagsüber in Neersen, Eichenborn und Baarsen in der Landwirtschaft. Wie die Tochter des Gastwirtes berichtete, sei ihr Vater immer großzügig mit den Kriegsgefangenen umgegangen und habe oft ein Auge zugedrückt. Deshalb kam es nach der Befreiung 1945 zu keinerlei Racheakten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die ersten Flüchtlinge und Vertriebene „auf dem Saal“ unter. Die Einwohnerzahl stieg sprunghaft von etwa 300 auf 600 Menschen an. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das Leben wieder normalisiert hatte. 1948 veranstaltete der wieder gegründete Junggesellenverein „Weiße Taube“ einen Ernteball im Saal. Zeitweise gab es auch ein Kolonialwarengeschäft im Haus. Als man 1956 eine neue Schule erbaute , wurde die alte Schule gegenüber abgerissen, an deren Stelle später Parkplätze entstanden.

Das Gasthaus kurz vor seiner Schließung im Jahr 2014.

1963 übernahm Fritz Pfennig in fünfter Generation das Gasthaus. Er erneuerte den Saal 1978, baute den alten Kuh- und Pferdestall zum Clubzimmer aus und renovierte 1996 das ganze Gasthaus. Er war mit „Leib und Seele“ Wirt. Nach seinem Tode im Dezember 2013 führte seine Frau Evi Pfennig das Gasthaus zunächst weiter, bis sie es im Oktober 2014 dann aus gesundheitlichen Gründen schließen musste. Inzwischen hat das ehemalige Gasthaus ein Nachbar gekauft, der es nicht mehr als solches nutzt.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de



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