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Über zwischenmenschlichen Zuckerguss, kleine Gesten und große Gefühle

Der romantische Kern der Avocado

„Wie romantisch!“ Bis ins zarte Alter von zwölf Jahren wusste ich nicht einmal, wie man es richtig schreibt. Ich kannte den Ausruf nur aus dem Disney-Klassiker „Aristocats“, in dem das schnulzigste Kätzchen von allen – das mit der wippenden rosa Schleife – die Augen theatralisch zum Himmel verdreht und mit zuckersüßem Stimmchen „wieromantisch“ schnurrt. So hatte ich das Wort abgespeichert und die Bedeutung gleich mit.

veröffentlicht am 26.10.2019 um 07:00 Uhr

Juni

Autor

Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

„Wieromantisch“ seufzen naive Kätzchen, wenn eine Schmonzette ihren Lauf nimmt. In Sekundenbruchteilen entwickelte sich meine Aversion gegen alles, was auch nur den Anschein von kalkulierter Gefühlsduselei erweckte. Für ein Kind war diese Haltung noch unproblematisch, aber dann kam die Pubertät und mit ihr kamen die Enttäuschungen. Nicht meine, versteht sich, sondern die der anderen. Denn, das musste ich lernen: Romantik ist in Beziehungen eine harte Währung. Gib, so wird dir gegeben. Ein Kuss für einen Blumenstrauß, wenigstens drei für das Candlelight-Dinner am Badewannenrand. Ich dachte an Kätzchen, lehnte dankend ab, sah mich in meinem Misstrauen bestätigt und kultivierte meine antiromantische Haltung bis zur Perfektion.

Ganze Ikea-Regale voller Duftkerzen verbrannten demonstrativ missachtet in meiner Gegenwart. Rote Rosen ließ ich vertrocknen, schon aus Prinzip – und wünschte mir stattdessen Kakteen. Ich ignorierte hartnäckig jeden Sonnenauf- und untergang, den ich in Gesellschaft des anderen Geschlechts verbringen musste. Und wenn die ersten Sterne zu funkeln begannen, ging ich rein und schaltete die Glotze an.

Meine Küsse gab es umsonst – oder gar nicht. Kein Kerzenflackern und kein Blumenduft sollte daran etwas ändern. Meinen Heiratsantrag erledigte ich deshalb sicherheitshalber selbst, im Format „quadratisch, praktisch, gut“, und wünschte mir fortan zum Geburtstag Kaffeemaschinen statt Liebeswochenenden.

Die alljährliche Feier des Hochzeitstages, DEM Hohen Fest der Romantik, verbat sich vor diesem Hintergrund dann quasi von selbst. Ob es ein chronischer Mangel an Romantik war, der meine Ehe scheitern ließ, weiß ich nicht. Im Rückblick halte ich das allerdings durchaus für möglich. Denn ob Sie, lieber Leserin, lieber Leser, es nun glauben oder nicht: Auch im fortgeschrittenen Alter kann man noch dazulernen. Alles, was man dafür braucht, ist der richtige Lehrmeister. In meinem Fall zog dieser in Gestalt meines Bruders in mein Büro ein. Auch er hatte als Kind „Aristocats“ geguckt. Aber in demselben Moment, in dem ich damals beschloss, mein Herz für alle Zeit vor Kerzenschein und Blumenduft zu verschließen, muss bei ihm etwas anderes passiert sein.

Als der erste Blumenstrauß (nicht für mich!) von Dutzenden in der Vase auf meinem Schreibtisch zwischengeparkt wurde, lächelte ich mitleidig: Der hat´s wohl nötig. Als er mir davon berichtete, seine Mittagspause damit verbracht zu haben, für die Liebste eine ihrer heißgeliebten Avocados auf dem Wochenmarkt aufzutreiben – und diese auch noch persönlich an ihrem Arbeitsplatz abzuliefern, verdrehte ich genervt die Augen. Als er damit anfing, kleine Liebesbotschaften in seinen Zeichnungen zu verstecken, wurde mir aus Prinzip ein wenig übel von so viel Süßholzraspelei.

Ein bisschen herzerwärmend fand ich das alles, zugegebenermaßen, aber doch. Irgendwann erwischte ich mich dabei, mir das überraschte Lächeln einer Frau vorzustellen, der man feierlich eine schrumpelige Avocado überreicht. Oder ihr freudiges Blättern in der Zeitung, auf der Suche nach versteckten Liebesbeweisen. Vielleicht war Romantik am Ende doch nicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann? Vielleicht ging es gar nicht (immer) darum, ein dummes Kätzchen zum Schnurren zu bringen?

Dass sich unter dem von mir so verachteten zwischenmenschlichen Zuckerguss auch etwas anderes verstecken konnte als ein kühl berechneter Deal, wurde mir klar, als mein Bruder mit einer Bitte an mich herantrat. Ich muss gestehen, ich war sprachlos, als er diese Kolumne für einen ganz besonderen Anlass bei mir bestellte (und ja, neidisch war ich auch). Vor allem aber war ich voller Bewunderung für das Selbstbewusstsein, mit dem er sein Innerstes nach außen kehrte.

Jetzt weiß ich: Echte Romantik ist der Mut, das Herz so weit zu öffnen, dass ein anderer Mensch hineinschauen kann, und aufrichtige Gefühle so zu verpacken, dass sie sichtbar werden. Das, ist wirklich „wieromantisch“…



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