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Was steckt hinter der beliebten rheinischen Karnevalstradition?

Der Nubbel ist schuld

Wer hat im Karneval wieder zu viel getrunken? Wer hat es mit den Bützchen übertrieben? Wer ist nach durchzechter Nacht in einem fremden Bett aufgewacht? Der eine oder andere Karnevalist mag sich in diesen Sätzen wiederfinden. Aber schuld an den im Karneval begangenen Sünden ist niemand selbst! Zumindest nicht in Köln, denn dort ist an allem nur der Nubbel schuld. Diese Tradition aus der Hochburg des Karnevals würde sich hier wohl auch so mancher Karnevalist wünschen.

veröffentlicht am 13.02.2015 um 06:00 Uhr

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Nubbel ist ein kölscher Begriff, der benutzt wird, wenn jemand keine näheren Angaben machen kann: „Dat wor dä Nubbel“ bedeutet soviel wie: „Das war irgendwer.“ Sigrid Krebs, ehrenamtliches Vorstandsmitglied und Pressesprecherin des Festkomitees des Kölner Karnevals, erklärt den Brauch: „Zum Ende des Kölschen Karnevals wird der Nubbel in Form einer ausgestopften Strohpuppe mit Hut und Gesicht personifiziert.“ Die angekleidete Figur des Sündenbocks hängt über einigen Kölner kneipen, bis ihm in der Nacht zum Aschermittwoch unter großer Beachtung der umstehenden Kneipengäste auf der Straße der Prozess gemacht wird. Ein Karnevalist gibt, als Pfarrer verkleidet, den Ankläger. Zunächst ist die Menge noch voller Sympathie und verteidigt den Nubbel, im Laufe der Anklage ist sie aber mehr und mehr von der Schuld des Nubbels an allem überzeugt und er wird als Herumtreiber, Faulenzer und Säufer beschimpft, der den Tod verdient hat. Mit rhetorischen Fragen wird die Menge dazu angeheizt: „Wer hat Schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben? Wer hat Schuld, dass wir fremdgegangen sind?“ Die grölende Menge antwortet dem Redner mit einem lauten „Dat wör der Nubbel!“, „Der Nubbel ist dat Schuld!“ oder „Er soll brennen!“ So wird der Nubbel am Ende des Prozesses verbrannt und alle begangenen Sünden der Jecken mit ihm.

Nach der Nubbelverbrennung ist in der Regel aber noch nicht Schluss mit der Karnevalsparty, denn es wird selbstredend in der Kneipe weitergefeiert. Alle ab diesem Zeitpunkt begangenen Verfehlungen gehen nun allerdings auf das eigene Konto, denn den Nubbel, der an allem schuld ist, gibt es nicht mehr. Am nächsten Morgen beginnt schließlich mit dem Aschermittwoch die christliche Fastenzeit und der Karneval ist vorbei. „Dass alles am Aschermittwoch endet, ist das wichtigste Gesetz des Karnevals“, sagt Krebs. Irgendwann müsse Schluss sein, um sich auf das nächste Jahr auch wieder freuen zu können.

Seinen Ursprung nahm die Nubbelverbrennung wahrscheinlich bei der Kölner Kirmes. Zum Beginn des Dorffestes wird eine Strohpuppe auf einer Stange auf dem Festplatz oder vor einer Wirtschaft aufgehängt, die symbolisch für die Kirmes stand. Am letzten Kirmestag werden der Puppe gemäß eines alten Volksglaubens als Opferfigur alle Sünden auferlegt und diese wird stellvertretend für sämtliche Verfehlungen der Gemeinschaft verbrannt oder begraben. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Name der Strohpuppe noch nicht Nubbel, sondern Zacheies, was die kölsche Form des hebräischen Namens Zachäus ist. Erst seit etwa 1950 nennt man die Figur des Zacheies den Nubbel.

Darüber hinaus gibt es im Rheinland eine ganze Reihe von Zeremonien, die sich auf ähnliche oder deutlich ältere Traditionen berufen. In Düsseldorf wird beispielsweise mit Trauergesang und Reden symbolisch der Hoppeditz zu Grabe getragen.

Hier in der Region im Hessisch Oldendorfer Karneval kennt man den Nubbel nicht, obwohl auch hier das Vergnügen während der „tollen Tage“ nicht zu kurz kommt. „Das Wichtigste am Karneval ist ohnehin, dass jeder gut drauf ist und Spaß hat“, sagt der amtierende Stadtprinz Daniel Knief.



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