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Urlaub? Ist der reinste Stress …

Das müssen Sie gesehen haben

Urlaub ist ja wahnsinnig anstrengend. Nein, nicht nur dieser übliche Kram: Am letzten Tag vor der Abreise noch schnell durch die Stadt rasen, um Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 90, Tabletten gegen Reisekrankheit oder lindgrüne Flipflops zu kaufen. Nach dem Kofferpacken geht es für erholsame drei Stunden ins Bett, um dann lange vor Sonnenaufgang aufzubrechen. Diesen Stress meine ich nicht. Ich dachte mehr an den Urlaub selbst.

veröffentlicht am 31.07.2021 um 09:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Denn so dünn besiedelt eine Urlaubsgegend auch sein mag, am Ende hat sie einen ganzen Katalog kleiner und größerer Sensationen zu bieten. Jeder Ferientag verlangt also ein Abwägen: Strand oder Schifffahrtsmuseum? Radtour oder Sommerrodelbahn? Café oder Korbflechterei? Ein begrenztes Zeitbudget trifft auf ein Überangebot an Zielen und Zeitvertreib, unter Volldampf gesetzt durch fremde und eigene Erwartungen. Unser Urlaub, eigentlich doch gedacht als die Tage des ganz großen Lockerlassens, bietet somit Laborbedingungen zur Entstehung von: Stress! Zumindest, wenn wir gute Urlauber sein wollen: So gut, dass uns am Ende niemand am ersten Arbeitstag in der Teeküche zu uns sagen kann: „Was? Das hast du nicht gesehen?“

Aber ich versuche mal, ihnen ein bisschen Druck zu nehmen – indem ich meine eigenen schmerzhaftesten Beispiele touristischen Versagens offenbare. Das entspannt Sie bestimmt. Denn auf mein Niveau werden sie schon nicht sinken – zumindest nicht in diesem Urlaub. Hier also die Top drei meiner verpassten Gelegenheiten:


Platz 3: Der Schiefe Turm von Pisa. Es war noch zu Schulzeiten: Zu viert durchkreuzten wir die obere Hälfte des italienischen Stiefels. Die Toskana, so unsere vage Erwartung, habe etwas mit verwunschenen Städtchen, Weinbergen und lieblicher Landschaft zu tun. Hat sie natürlich auch. Allerdings wollten wir auch gern ans Meer. Am Ende landeten wir in einem Touristen-Billigrummel bei Pisa. An unserem einzigen ganzen Tag in der Gegend spaltete sich die Gruppe: Strand oder Schiefer Turm lautete die Alternative. Ich wählte den Strand. Hedonisten-Wahl! Schwöret ab dem biederen Postkarten-Tourismus! Der Strand entpuppte sich als schmaler Streifen Sand, bestückt mit Mietliegestühlen und unterteilt in kurze Abschnitte. Ein übellauniger Bademeister wachte darüber, dass auch niemand in die falsche Richtung schwamm. Weit hinaus sah er nicht als so großes Problem an, aber zu weit links oder rechts – das war streng verboten und zog eine scharfe Ermahnung nach sich. Schließlich gehörten die Nachbarabschnitte anderen Hotels oder Campingplätzen. Der Schiefe Turm war dann wohl auch kein so großer Hit. Aber ich hätte Oma daheim die Fotos zeigen können – und hätte mir den doofen Bademeister erspart.


Platz 2: Austin. Familiäre Gründe sorgten dafür, dass mich meine bisher einzige USA-Reise nach Texas und New Mexico führte. Und an dieser Reise gab es wirklich überhaupt nichts auszusetzen. Ein unvergessenes 360-Grad-Wildwest-Träumchen. Wäre da nicht diese eine kleine Sache. „Ihr wart nicht in Austin?“, fragte meine Schwester beiläufig und vielleicht eine Spur überrascht. Nein, waren wir nicht. Wir waren in Houston, in El Paso, in San Antonio und am liebsten in der Wüstenlandschaft – aber in Austin waren wir nicht mehr. Egal? Eigentlich schon. Würde mir nun nicht seit Jahren regelmäßig unter die Nase gerieben – gedruckt, gepostet oder in TV-Serien vorgespielt – was für eine uuunglaublich tolle Stadt dieses Austin doch sei. „Ist dies Amerikas coolste Stadt?“, fragt dann zum Beispiel der britische „Telegraph“ schon eher rhetorisch – und meint Austin, nicht dieses eine US-Dorf – wie heißt es doch gleich? New York …


Platz 1: Das Wembley-Stadion. Kommen wir also zum Schlimmsten. Der blöde Schiefe Turm steht noch – mehr oder weniger – und Austin hole ich vielleicht irgendwann nach, aber dies hier ist weg: das Wembley-Stadion. Ja, schon klar. Es steht da nun dieses neue Ding. Aber das ist kaum aufregender als die Arena in Hannover. Das alte Wembley-Stadion hingegen – die beiden Türme, die vollgestopften Ränge, das Wembley-Tor, Live Aid – das hatte was. Ich habe es auch noch gesehen, als ich mit einem Freund in den 90er Jahren in London war. Aber nur von außen. Warum? Darum: Eine Besichtigung sei gerade nicht möglich, wurde uns gesagt, weil dort später ein Hunderennen stattfinde. Hatte uns der Nieselregen mürbe gemacht? War es am Vorabend ein Pint zu viel gewesen? Jedenfalls fügten wir uns schnell in unser Schicksal und trotteten von dannen, ließen ein Fußballheiligtum für immer hinter uns – und zugleich ein potenzielles Glanzlicht unserer Reise. Denn: Ein Hunderennen! Im Wembley-Stadion! Was hätte britisch-verschrobener sein können? Immerhin: Ein Bild blieb mir von dem Wembley-Ausflug für immer im Gedächtnis: Es ist das von Männern, die im Schatten der Tribüne geduldig Windhunde ausführen. Regelmäßig bücken sie sich, um den Tieren Plastikschalen unterzuhalten. Sie brauchen Urinproben – für den Dopingtest vermutlich. Die wirklich bleibenden Reiseeindrücke finden sich eben in keinem Reiseführer.



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