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Von Nachbarn, Geräuschen – und Zebras

Das Lärmen der anderen

Schlag! Roll! Knall! Eigentlich bin ich biografisch durch mit dem Thema Etagenwohnungen. Aber manchmal sitze ich eben – Schlag! Roll! Knall! – doch wieder drin. Wie vor einer Weile in dieser Mietwohnung in Den Haag. Ja, so – Schlag! Roll! Knall! – ist das halt, wenn man übereinander wohnt wie die Taschenbücher im Regal.

veröffentlicht am 09.11.2019 um 07:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Und dann über einem auch noch – Schlag! Roll! Knall! – Kinder. Aber was machen die da nur seit – Schlag! Roll! Knall! – einer halben Stunde? Ach, natürlich: Hockey! Holländer lieben Hockey. Bestimmt auch im Wohnzimmer. War doch ganz einfach. Um andere Klangrätsel zu knacken, brauchte ich länger. Viel länger.

Da war zum Beispiel dieses metallische Klingklongpolterkling. Jeden Abend drang es zu Studienzeiten für etwa eine Viertelstunde durch die Altbaudecke. Wir suchten und fanden Erklärungen: Klar, eine Schlafcouch. Mit schwerem Metallrahmen. Wahnsinnig aufwendig aufzubauen. Aber muss ja sein, kurz vor der Nachtruhe, dachten wir voller Mitleid für den Unbekannten über uns.

Erst Jahre später verabschiedete ich mich von dieser Theorie. Ich lag auf einer Hantelbank – das kommt wirklich selten vor, man sieht’s mir an – und stemmte Gewichte. Bei dieser wohl stumpfsinnigsten aller sportlichen Aktivitäten dachte ich an dieses und jenes. Irgendwann auch an die gerade entstehenden Geräusche – beim Hanteln aufheben, ablegen, Banklehne verstellen: Klingklongpolterkling. Welch altvertraute Melodei …

Hörst du Hufe, denk an Pferde, nicht an Zebras! Eine wirklich nützliche Regel. Doch wenn wir in einer Etagenwohnung sitzen, hat sie keine Chance. Jedes zweite Geräusch ein Mysterium und bestimmt kein Zufall, sondern reine Niedertracht. Ja genau: Ein gemeines Zebra wohnt da oben. Ein gemeines Zebra mit Hanteln.

Musik ist grundsätzlich weniger rätselhaft. Sie verrät sogar allerhand über denjenigen, der sie gerade viel zu laut aufgedreht hat. Wir wohnten einst unter einer jungen Frau (Stöckelschuhe! In der Wohnung! Auf Holzdielen!), die für uns an unzähligen Wochenenden immer wieder das gleiche Hörspiel aufführte. Freitagabend: aufgeregtes Gestöckel auf den Dielen, dazu – sehr erbauend – „Lena (du hast es oft nicht leicht ...)“ von Pur. Dann Ruhe, später Herrenbesuch und deshalb am Samstagnachmittag: „Hör gut zu (du bist mein Glück …)“, wieder von Pur, wieder sehr laut. Aber: Lena (so hieß sie vermutlich gar nicht) hatte es oft nicht leicht: Spätestens am Montag kippte die Musik zu: „I’m Outta Love“ von Anastacia.

Ein endlos wiederholtes Drama in drei Akten. Nun ja: Eigentlich waren es drei (sorry, Fans) fiese Stücke Popularmusik und nur ein – ähem – Akt. Aber darüber breiten wir die Bettdecke des Schweigens. Es ist eben auch nicht immer schön, genau zu wissen, was man da gerade hört.

Ein zu griesgrämiges Ende? In Ordnung: Ich hoffe, dass die Dame von oben inzwischen glücklich verheiratet ist. Es war ein rauschendes Hochzeitsfest. Mit wunderschöner Musik. Sie trug Stöckelschuhe.



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