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Tornado-Experte identifiziert zerstörerisches Wetterphänomen in Hameln

Böenwalze und Fallwind mit Düseneffekt

Hameln. Der unheimliche Spuk war nur von kurzer Dauer: Kräftige Schauerböen fegten am Samstagabend kurz vor 19 Uhr über Teile der Hamelner Nordstadt hinweg: Es goss wie aus Kübeln. Straßen standen unter Wasser, an der Chamissostraße wurden mächtige Bäume entwurzelt und abgeknickt (wir berichteten). Rätselhaft war, warum der Sturm nur punktuell gewütet hat. Alle Unwetterschäden (abgerissene Äste, „gerupfte“ und zu Boden gedrückte Baumkronen, gefällte Bäume, umgekippte Sperrbaken und Schilder) sind nur in einem Umkreis von wenigen Hundert Metern aufgetreten. Das Regenradar des Deutschen Wetterdienstes zeigte zum Zeitpunkt des Wetterphänomens in Hameln „ganz starke Echos“ an. Deren Intensität habe „im obersten Drittel des Möglichen“ gelegen, sagt die Diplom-Meteorologin Jutta Perkuhn, die an diesem Tag Dienst hatte. Der Starkregen lässt sich also nachweisen. Die Frage ist nur: Woher kam so plötzlich der äußerst heftige Wind, von dem Augenzeugen berichtet haben?

veröffentlicht am 01.08.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 11:16 Uhr

Ulrich Behmann

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Mithilfe eines Fotos, das unsere Leserin Maren Krause zum Zeitpunkt des Unwetters in Hameln aufgenommen hat, konnte der Tornado-Beauftragte des Deutschen Wetterdienstes, Andreas Friedrich, das Rätsel lösen. Bei dem schräg von links unten nach rechts oben verlaufenden Wolkenbogen, der auf dem Bild zu sehen ist, handelt es sich nach Angaben des Diplom-Meteorologen um eine sogenannte Böenwalze, auch Shelf Cloud genannt. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um eine walzenförmige Wolke mit horizontal verlaufender Achse. Böenwalzen können am vorderen unteren Rand einer ausgeprägten Cumulonimbus-Wolke auftreten. Die Böenwalzen sind meist recht dunkle, teils bogenförmige, Wolken, die häufig bedrohlich aussehen. Sie seien das Ergebnis komplexer dreidimensionaler Strömungsvorgänge innerhalb einer Gewitterwolke, erklärt Wettermann Friedrich, denn: „In ausgeprägten Gewitterzellen strömt die Luft in den unteren Schichten von vorne ein, in der Höhe dagegen von der Rückseite. Durch das untere Einströmen wird die Aufwindströmung innerhalb des Systems, der sogenannte Updraft, in Gang gehalten. In ihm bilden sich Regen oder Hagel. Der Updraft ist in der Höhe – bezogen auf die Zugrichtung des Gewitters – nach hinten geneigt. Der Niederschlag fällt dadurch in die von hinten in die Zelle einströmende Luft und kühlt sie ab. Dadurch stürzt sie beschleunigt nach unten und erzeugt einen Abwindschlauch. Forscher sprechen von einem Downdraft. Am vorderen unteren Rand der Gewitterwolke entsteht ein Bereich, in dem die beiden Ströme aufeinandertreffen. Dabei wird ein Teil des Aufwindstroms gewissermaßen nach unten gebogen. Schließlich entsteht eine Rotation um eine horizontale Achse.“

An der Wolkenvorderkante könnten von null auf hundert heftige Windböen auftreten. Hinter dem auf dem Foto abgebildeten Böenbogen ist ein Regenvorhang zu erkennen. Auch das ist typisch, denn hinter einem Böenkragen fällt für gewöhnlich sehr starker Niederschlag. „Mit dem Regen wird kalte Luft aus großen Höhen zu Boden gerissen. Man spricht auch von einem kalten Fallwind oder von einem Downburst. Ein solcher ist nach Meinung von Friedrich am vergangenen Samstag über der Nordstadt zu Boden gerast und dort in eine horizontale Richtung umgelenkt worden. Begünstigt von Bebauung (Wohnblocks, Häuserschlucht) und Bewuchs könne ein Düseneffekt entstehen. Der Wind kann in diesem Kanal im Extremfall weit mehr als 200 Stundenkilometer schnell sein und dann stellenweise schwere Verwüstungen anrichten.

Übrigens: Auf dem Bild von Maren Krause ist über der Böenwalze die eigentliche Gewitterwolke zu sehen. Es handelt sich um eine Superzelle.

An der Chamissostraße wurde dieser Baumriese gefällt. Fallwinde mit Düseneffekt können punktuell mehr als 200 Stundenkilometer schnell sein.

ube



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