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Landwirte waren gegen den Bau des Coppenbrügger Bahnhofs – heute ist dort ein Hotel

Bloß nicht zu schnell in die Stadt…

Coppenbrügge liegt etwa auf der Hälfte der Strecke zwischen Hameln und Elze an der alten Heerstraße, der heutigen B 1. Als im Jahre 1874 die Hannoversche Eisenbahn-Gesellschaft Verhandlungen über den Erwerb von Ländereien in Coppenbrügge einleitete, um den Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Hameln und Elze vorzubereiten, stieß sie auf unerwartete Schwierigkeiten. Beckmann berichtet über „so stürmische Zusammenkünfte, dass die Kommissare nach Hemmendorf flüchten mussten, um dort die Verhandlungen weiter zu führen“. In Coppenbrügge und in der weiteren Umgebung waren die meisten Einwohner gegen den Eisenbahnbau. Ihre Ablehnung begründeten sie damit, dass viel gutes Land „vergeudet“ würde. Die Bauern sahen eine Zerstückelung ihrer Äcker durch die Trasse und dadurch unerreichbare Flurstücke entstehen. Fuhrunternehmer waren dagegen, weil sie um ihr Einkommen fürchteten, wenn ihnen die Frachtfuhren von den Bahnhöfen Hameln und Elze von der Bahn abgenommen würden. Es handelte sich dabei um Kohlen und Steine aus dem Nesselberg, die von den Gespannhaltern, also mit Pferdefuhrwerken, zu den Bahnhöfen gebracht wurden. Sie verdienten doppelt, wenn sie auf der Rückfahrt angekommene Stückgüter mitnehmen konnten. Diese Einnahmen würden beim Bau eines Bahnhofs in Coppenbrügge für sie wegfallen. Auch die Geschäftsleute in Coppenbrügge hatten triftige Gründe gegen den Eisenbahnbau. Die schnelle Fahrt in die Stadt könnte dazu führen, dass die Einwohner dort ihre Einkäufe erledigen und sie ihre Kunden verlören. Mit dem Bau der Umgehungsstraße der B 1 um Coppenbrügge und Marienau sind übrigens heute wieder ähnliche Argumente zu hören. Wegen solch massiver Widerstände in der Bevölkerung gab die Gesellschaft ihren Plan auf.

veröffentlicht am 24.08.2015 um 06:00 Uhr

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Davon ließ sich der Fortschritt nicht aufhalten und noch im gleichen Jahr versuchte es eine andere Gesellschaft mit mehr Erfolg. Die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft konnte mit der Fleckenverwaltung von Coppenbrügge einen Vertrag aushandeln, weil sie dem Ort einen Bahnhof zugesagt hatte, wenn die Gemeinde ihr dafür kostenfrei Bauland für den Bahnhof zur Verfügung stellt. Das vorgesehene Land gehörte der Domänenkammer, von der die Gemeinde zwölf Morgen ankaufen konnte. Da sich herausstellte, dass das Gelände für den Güterverkehr zu eng war, kaufte die Gesellschaft von der Domänenkammer noch einen Streifen dazu und stellte die Kosten laut Vertrag der Gemeide in Rechnung. Dagegen prozessierte die Gemeinde, verlor aber und musste zahlen.

Mit dem Bau der Bahn konnte nun begonnen werden und dafür kamen viele „Gastarbeiter“ nach Coppenbrügge. Beckmann spricht von Hunderten Ausländern wie Italiener, Polen, Ungarn und Dänen, die hier eingesetzt wurden. Sie waren in eigens dafür gebauten Baracken untergebracht. Angeblich hätten sich die Einwohner sonntags nicht mehr auf die Straßen getraut. Die Wirtshäuser seien überfüllt gewesen und die Zechgelage hätten mit wüsten Schlägereien geendet, sogar einen toten Italiener habe es dabei gegeben. Für die Geschäftsleute war diese Zeit „ein nie dagewesener Hochbetrieb“. Bereits im Mai 1875 wurde die neue Strecke für den Güterverkehr eröffnet und wenig später auch für den Personenverkehr. Das errichtete einfache Bahnhofsgebäude schien den Anforderungen nicht zu genügen, denn es wurde einige Jahre später durch das noch heute existierende stattliche Haus ersetzt. Darin waren eine Wohnung für den Bahnhofsvorsteher und eine Gaststätte vorgesehen. Vom langjährigen Wirt Eichhorn existiert noch ein schönes Foto von der Gaststube im Bahnhof. Mit der zunehmenden Motorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg gingen der Bahn im Regionalverkehr immer mehr Kunden verloren. Das führte in den 1990er Jahren zum Rückbau der zweigleisigen Strecke. Auch der Bahnhof war nur noch mit einem Beamten besetzt, der sich dann auch noch erübrigen ließ, als die Fahrkartenautomaten ihren Einzug hielten. Mit der Privatisierung der Bahn ging auch der Verkauf des Bahnhofsgebäudes einher. Jetzt genügte für die Fahrgäste ein gläserner Unterstand, und die Bahnsteigrampe wurde nach modernen Maßstäben für den leichteren und sicheren Einstieg in die Bahn erhöht. Der alte Bahnhof aber ist heute durch eine hohe Hecke vom Bahnsteig getrennt. Sein Umbau zum „Hotel im Bahnhof“ mit angeschlossener Gaststätte hat sich bewährt und sich zu einer festen Einrichtung in Coppenbrügge entwickelt.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Eine Postkarte mit „Gruß vom Bahnhof Coppenbrügge“ aus den 1920er Jahren zeigt den Bahnhof mit mehreren Gleisen.

Kleines Foto: Die Haltestation Coppenbrügge heute ist modernen Ansprüchen angepasst worden.gh



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