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Kleine Rätsel Schaumburgs: Woher die Pomeranzengasse ihren Namen hat

Benannt nach bittersüßer Verführung?

Rinteln (lsb). Wer die Rintelner Innenstadt einmal mit aufmerksamem Blick durchstreift hat, dem ist mit Sicherheit aufgefallen, dass es Unmengen an Gassen gibt, die von den Kennern der Altstadt auch gerne als Schleichwege genutzt werden. Eine von ihnen ist die Pomeranzengasse, die die Bäckerstraße mit der Ritterstraße verbindet. Doch woher stammt dieser ungewöhnliche Name?

veröffentlicht am 25.06.2011 um 00:00 Uhr

„In den meisten Fällen erhalten Gassen ihren Namen von Personen oder von ihren Standorten. Die Pomeranze ist jedoch eine Zitrusfrucht. Besser bekannt als Bitterorange“, erzählt Stadtführerin Karin Gerhardt, die sich selber als leidenschaftliche Geschichtenerzählerin sieht.

Woher dieser Name kommt, könne heute kaum einer beantworten, so Gerhard. „Es ist möglich, dass einmal eine Orangerie diesen Platz geschmückt hat. Allerdings kann es auch sein, dass die Gasse ihren Namen einer Reihe von besonders gestalteten Gärten zu verdanken hat, deren Düfte sie erfüllt haben.“ Sicher sei jedoch, dass Bitterorangen – wie jede andere Zitrusfrucht – die Menschen der Barockzeit fasziniert haben. Neben ihren immergrünen Kronen trugen die Pomeranzenbäume zur gleichen Zeit Früchte und Blüten.

„Orangerien entstanden zur Barockzeit meist an Fürstenhöfen und Adelssitzen. Wer dieses ,Must Have‘ der damaligen Zeit haben wollte, benötigte einen Aufbewahrungsort, damit sich die Zitrusfrüchte über Winter hielten“, sagt Gerhardt. Die Orangerie in Exten zum Beispiel entstand erst im Jahre 1810. In dieser Zeit ist diese Mode laut Gerhardt allerdings schon fast wieder vorbei gewesen: „Nach den Orangerien wurden an den mondänen Orten der Welt Palmenhäuser errichtet, um noch exotischere Pflanzen züchten zu können.“

Zur Blütezeit der Orangerien waren Pomeranzen häufig in den Vorratskammern und Hausapotheken vertreten, da sie als Mittel gegen Appetitlosigkeit und Magenbeschwerden galten. Sollten Pomeranzen heutzutage noch in den Handel gelangen, dann höchstens im Januar oder Februar; das ätherische Öl, das aus ihnen gewonnen wird, müsse theoretisch jedoch das komplette Jahr über erhältlich sein, vermutet Gerhardt. „Die dicken Schalen der Zitrusfrüchte werden besonders gerne verwendet: Aus ihnen werden das Orangeat und die berühmte bittere englische Orangenmarmelade hergestellt“, erzählt Gerhardt.

Zu dieser vielfältigen Orange gibt es auch die eine oder andere Sage, wie zum Beispiel die der Hesperiden, Nymphen, die im Garten der Götter zusammen mit dem hundertköpfigen Drachen Ladon einen Baum mit goldenen Äpfeln bewachten. Der Baum sei ein Hochzeitsgeschenk der Erdgöttin Gaia an das Götterpaar Zeus und Hera gewesen. Seine Früchte verliehen den Göttern ihre ewige Jugend – für Menschen verführerisch.

„Nur dem Halbgott Herkules sei es laut Sage einmal gelungen, den Drachen zu töten und drei der goldenen Früchte zu stehlen“, so Gerhardt. Allerdings brachte die Göttin Athene die drei Früchte wieder zurück. „Trotzdem ist diese Geschichte nicht Schnee von gestern“, behauptet Gerhardt, denn: Noch heute sind am Sternenhimmel die Sternenbilder ‚Drache‘ und ‚Herkules‘ zu finden, wobei ein Fuß Herkules’ auf dem Kopf des besiegten Drachen stehe.

Auch wenn es in der Sage um Äpfel geht, kann ein Bezug zu den Pomeranzen hergestellt werden: „Die Menschen hatten damals lange nach einer ähnlichen Frucht wie der aus dem Göttergarten gesucht – und schließlich in den Pomeranzen gefunden“, erklärt Gerhardt.

Vielleicht wird sich nie eine Erklärung zur Namensentstehung der Gasse finden lassen, sagt sie. „Doch dafür lädt dieser Name ein, von betörendem Duft zu träumen und sich alte Geschichten von goldenen Früchten erzählen zu lassen“, so Gerhardt.

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs? Schreiben Sie uns an sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie an unter (0 57 51) 4000-526.



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