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Kleine Rätsel Schaumburgs: Warum Prachtbauten am Harrl gefördert wurden

Baukastensystem für hohe Ansprüche

Bückeburg (gp). Bis heute ist das Bückeburger Stadtbild durch Residenzbauten und Residenzbauweise geprägt. Wesentlich dazu beigetragen hat eine vor 100 Jahren gegründete „Eigenheim-Baugesellschaft“. Sie sorgte dafür, dass selbst der soziale Wohnungsbau ein herrschaftliches Outfit bekam. Die knapp 20 von 1913 bis zum Ende der Fürstenära unter der Regie der noblen GmbH errichteten Gebäude hatten selbstverständlich auch Zimmer fürs Personal.

veröffentlicht am 26.03.2011 um 00:00 Uhr

Auslöser für die Gründung der neuen Gesellschaft war die Sorge, dass sich in der fürstlichen Landeshauptstadt qualmende und stinkende Fabrikanlagen und/oder proletarische Wohnquartiere breitmachen könnten. Als besonders schutzbedürftig sah die fürstliche Regierung die vornehmen Harrl-Hanglagen. Vor allem die seit Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts an Georg- und Herminenstraße errichteten Prachtbauten und nicht zuletzt auch das herrschaftliche Palais der Fürstenwitwe Hermine sollten keinesfalls verschandelt werden. Allerdings geriet der Wunsch nach Beibehaltung der Exklusivität unter Druck. Die städtische Kaufmannschaft und große Teile der Bürgerschaft forderten mehr Offenheit gegenüber dem industriellen Fortschritt. Andernfalls drohe man den Anschluss zu verlieren, so die oft und lautstark vernehmbare Klage.

In dieser Situation legte der seit 1904 amtierende, als liberalkonservativ geltende Bürgermeister Wilhelm Külz ein Leitpapier zur Zukunftsperspektive der Landeshauptstadt vor. „Bückeburg ist durch seinen Charakter als Residenz in erster Linie Beamten- und Garnisonsstadt“, so seine knappe Analyse bezüglich der Ist-Situation. Zu dieser Einwohnerstruktur passten keine Fabriken und Arbeiterwohnquartiere. Stattdessen solle und müsse Bückeburg „den Zuzug (und seine Steuerkraft) aus Kreisen gewinnen, die in der Ruhe einer frei von Ruß und Lärm lebenden Stadt, in idyllischer Gegend und in gesunden Verhältnissen ein behagliches Dasein führen möchten“.

Zur Umsetzung dieser Ziele brachte Külz – in Absprache und mit „tätigem Interesse“ der Schlossherrschaft – ein Wohnbauförderprogramm für gut betuchte Leute auf den Weg. Davon gab es auch damals schon genug. Neben Regierungsbeamten und wohlhabenden Geschäftsleuten aus Bückeburg meldeten vor allem auch Adlige und hoch dekorierte Militärs von auswärts Interesse an. Anfang Februar 1911 ging der offizielle Gründungsakt der neuen Gesellschaft über die Bühne. Die Geschäftsführung übernahm Külz selbst. Hauptanteilseigner war die Hofkammer. Der Aufsichtsrat wurde mehrheitlich mit schaumburg-lippischen Staatsbeamten besetzt.

Als Erstes nahm die Eigenheim-GmbH die stadteigenen Ländereien in Richtung Bergdorf ins Visier. Um Spekulationen auszuschließen, konnte die Stadt jedes Grundstück, das nicht innerhalb eines Jahres bebaut worden war, ohne Wertverlust zurückkaufen.

Bereits wenige Monate nach dem Start waren die ersten vier Villen fertig. Die fachliche Leitung hatte man dem Architekten Ernst Wullekopf aus Hannover übertragen, der sein Gespür für repräsentative Lösungen schon einige Jahre zuvor beim Bau der beiden großen Kavalierhäuser vor dem Bückeburger Schloss unter Beweis gestellt hatte. Auch die Niedersächsische Bank in der Bahnhofstraße (heute Sparkasse) ist sein Werk. Für die neue Eigenheim-Gesellschaft entwarf Wullekopf mehrere Standardgrundrisse, die mithilfe eines durchdachten Baukastensystems – je nach Geschmack und Raumbedarf der Bauherrschaft – individuell ausgestaltet werden konnten. Aufmerksame Beobachter können dies, trotz der oft unterschiedlichen Materialien und abweichenden Fassadengestaltungen, bis heute an den identischen Hausformen erkennen. Auf die „Einheitsplanung“ Wullekopfs geht auch die Anpflanzung der Rot- und Weißdornbäume in dem Viertel zurück.

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs? Schreiben Sie uns: sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie an unter (05751) 4000-526.

So sehen die von Architekt Wullekopf nach dem „Baukastenprinzip“ entworfenen Eigenheime heute aus: Das hier abgebildete Gebäude war eines der ersten vier, vor hundert Jahren an der Adolfstraße errichteten Häuser. Foto: gp.



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