weather-image
15°
×

Ein Lügenbaron aus feinen Körnern – was Münchhausen & Co. zusammenhält

Auf Sand gebaut

Das kennen Sie sicher vom Burgenbau am Strand: Gebilde aus Sand sind nur von kurzer Dauer. Trocknet der feine Meeressand, rieselt er auseinander. In Binz auf der Insel Rügen haben im vergangenen Monat 40 Künstler aus zehn Ländern 48 teils fünf Meter hohe Sandskulpturen geschaffen. Sie bestehen ausschließlich aus Sand und Wasser – und dennoch fallen sie nicht in sich zusammen. Eine solche Sandskulptur wird in einem Zelt Jahrzehnte überdauern und im Freien monatelang stehen bleiben, sagen Experten. „Wind und Regen können ihr nicht viel anhaben“, beteuert Martin de Zoete, künstlerischer Leiter der 4. Sandskulpturenschau, die in diesem Jahr unter dem Motto „Welt der Bücher“ steht. Aber wie ist das möglich?

veröffentlicht am 10.04.2013 um 09:40 Uhr

Die 27 Jahre alte Sue McGrew muss es wissen. Die junge Frau aus Seattle (USA) hat gerade aus einem 35 Tonnen schweren Sandblock einen vier Meter hohen Münchhausen herausgeschnitten. Der Lügenbaron sitzt – wie könnte es anders sein – auf einer Kanonenkugel. „Mir ist angeboten worden, Münchhausen oder Tom Sawyer zu modellieren“, erzählt die professionelle Sandskulpturen-Künstlerin, die seit 2009 weltweit tätig ist. Sechs Tage hat sie an der Figur gearbeitet – unter erschwerten Bedingungen.

Denn in diesem März war es außergewöhnlich kalt auf Rügen. Da bei Frost das Gebilde aus Sand und Wasser steinhart wird, lässt es sich kaum noch mit Schaufel, Maurerkelle, Spachtel und Messer carven (so nennen die Künstler das Schneiden und Bearbeiten des Sandes). Sue McGrew wusste sich zu helfen: Sie erwärmte Teile ihres Münchhausens ab und zu mit einem Brenner. Ihr Ehemann, ebenfalls Künstler, stamme aus Lettland, erzählt die junge Frau. Er wisse, dass sich der echte Baron eine Zeit lang in Riga aufgehalten habe, und sei als Kind ein großer Fan der Lügengeschichten gewesen.

Warum der Sand zusammenhält, wollen wir von Sue McGrew wissen. Die Amerikanerin erklärt, das liege daran, dass er feinkörnig, lehmig, ja fast schlammig sei. „Ich nenne ihn fetten Sand“, sagt sie. Das trage dazu bei, dass er gut festbackt. Das Material müsse aus einem Steinbruch stammen, meint Sue McGrew.

Die Veranstalter der Skulpturenschau wissen es noch genauer. „Der richtige Sand und die richtige Technik macht’s“, sagt Sprecherin Bianca Lohr – und erwähnt ganz nebenbei, dass die Kunstform gar nicht so neu ist, wie viele denken. Schon die alten Ägypter um 4000 vor Christus hätten Sandskulpturen gekannt.

Auf den ersten Blick sehe Sand immer gleich aus – doch der Schein trüge. Sand gibt es in unterschiedlichen Varianten, er ist entweder organischen oder mineralischen Ursprungs. „Organische Sandkörner sind winzige Korallen-, Muschel- und Fossilienteilchen aus Salzwasser-Regionen. Mineralischer Sand hingegen stammt häufig aus bergigen Gebieten und besteht aus kleinsten Gesteinsteilchen.“ Um meterhohe Skulpturen bauen zu können, benötige man einen speziellen Sand. „Er muss gut zu stapeln sein. Hierfür ist die Form der Sandkörner von entscheidender Bedeutung“, erklärt Bianca Lohr. „Wer schon einmal versucht hat, Murmeln zu stapeln, weiß, dass das unmöglich ist. Bei Würfeln ist das dagegen kein Problem.“ Dieses Beispiel könne man hervorragend auf den Skulpturensand anwenden. Der Sand vom Strand sei durch die Gezeiten und die Bewegung der Wellen rundgewaschen worden. „Der ideale Skulpturensand hingegen ist jung, hat ein eckiges und scharfkantiges Korn, das weniger abgeschliffen ist.“ Insgesamt 12000 Tonnen Spezialsand wurden extra für das Festival mit 600 Lastwagen herangekarrt.

Dass der Sand überhaupt bearbeitet werden kann, liegt aber auch an der Art seiner Verarbeitung, die sich nach Angaben des Veranstalters seit dem Altertum nicht verändert hat. Zunächst wird der lose Sand in eine Holzverschalung, eine sogenannte Malle, gefüllt. In dieser wird der Sand dann durch abwechselndes Anfeuchten und Stampfen mit Rüttlern, wie man sie aus dem Straßenbau kennt, fest zusammengepresst. Auf diese Weise entsteht Schicht für Schicht. Erst am Ende werden die Formen aus dem harten Block herausgeschnitten. ube

Künstlerin Sue McGrew und ihr Lügenbaron – die Skulptur besteht aus 35 Tonnen Sand. Sechs Tage hat die Amerikanerin an der Figur gearbeitet.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige