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Der Shopping-King

Ans Gendern müssen wir uns gewöhnen – aber Beute machen bleibt Frauensache

Da hat Olaf Scholz aber gepunktet: Als er ausgerechnet bei der „Brigitte“ auf dem Podium gefragt wurde, ob seine Frau im Falle seiner Kür zum Bundeskanzler ihren Job aufgeben würde. Eine Steilvorlage. Immerhin ist seine Frau Ministerin.

veröffentlicht am 14.08.2021 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 14.08.2021 um 14:31 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Selten hat sich eine Journalistin vor laufender Kamera für eine „dumme Frage“ entschuldigt und sie natürlich zurückgezogen. Denn schließlich: Eine Frau würde man so etwas niemals fragen.

Daran sieht man, dass es vielleicht doch ganz gut ist, wenn sich langsam mal was ändert in der Debatte um die Geschlechterrolle. Und auch, wenn ich auch noch jedes Mal zusammenzucke, wenn sich die Sprecher und Sprecherinnen in den TV-Nachrichtensendungen scheinbar verschlucken, weil das große „I“ einem Luftröhrenschnitt gleichkommt; auch wenn ich mich echt aufregen kann, wenn in Einladungen plötzlich die „lieben Mitglieder /-innen“ angeschrieben werden und die nun oft alternativ gewählte Form wie „Musizierende“ oder „Zuhörende“ in einer Konzertkritik (noch) nicht wirklich glatt durch meine Gehörgänge gleitet – ja, ich denke auch, in Sachen Gleichberechtigung gibt es noch reichlich Baustellen. Wenn die Genderei uns auch manchmal nervt – es ist wohl unbestritten, dass Sprache einen Einfluss darauf hat, was wir uns vorstellen und wie wir uns verhalten.

Und dennoch: Es gibt Bereiche in unserem Leben, da wird es immer riesige Unterschiede geben und ich meine jetzt nicht das mit dem Kinderkriegen. Bei sanitären Anlagen halte ich eine saubere Trennung durchaus für sinnvoll. Auffällig auch: Männer haben die Hände frei, wenn sie zur Arbeit, zu Freunden, zur Party oder in die Kneipe gehen. Portemonnaie, Handy, Schlüssel stecken in den Hosentaschen. Ich hingegen muss auf Fremde wirken, als habe ich jeweils einen kleinen Umzug vor. Selbst zur Arbeit schleppe ich Beutel mit, in denen sich Utensilien des täglichen Bedarfs befinden, was man halt zum (Über-)leben so braucht. Welcher Mann kann schon auf Nachfrage sofort mit Pflaster, Kopfschmerztabletten, Haarbürste, belegten Broten oder Schokoriegeln aushelfen? Die meisten haben ja nicht einmal mehr ein (Stoff-)Taschentuch zur Hand.

Am vergangenen Wochenende konnte ich dann eine anschauliche Studie am lebenden Objekt betreiben: Frauen beim Shoppen. Das kann doch kein Zufall sein, dass bei der Landpartie in Bückeburg gefühlt 92 Prozent weiblichen Geschlechts – Alter egal – von Pavillon zu Pavillon ziehen, freudige und ausnahmslos hohe Quiektöne zu hören sind, weil: „Oh, guck mal, das habe ich schon so lange gesucht!“

Sich stundenlang durch bunte Kleider, Taschen aller Größen, Schals und Tücher zu wühlen – das können wir einfach besser. Ok, vereinzelt mag es männliche Exemplare geben, die dem zumindest etwas abgewinnen können. Aber dieses glückliche Lächeln in den Gesichtern beim Prosecco, nein, das geht nicht mit Bart. Männer gucken Fußball, Frauen gehen shoppen, das ist kein Klischee, sondern die Wahrheit. Fast bewundernswert da eher die Begleitmänner, die als Packesel dienen und geduldig in Sesseln geparkt brav die Beute in Tüten und Taschen bewachen.

Allemal besser als die Kerle, die beim Wochenendeinkauf das, was die Frau in den Einkaufswagen legt, wieder ins Regal zurückstellen. Mit dem Hinweis, dass die günstigen Produkte unten stehen, du musst dich nur mal bücken. Nicht gelogen, auch das mit eigenen Augen beobachtet. Da schlepp ich meine Weinkisten ganz emanzipiert doch lieber selbst.

Doch halt, es geht auch anders. Inmitten dieser im Pulk auftretenden Shopping-Queens – warum gibt es wohl inzwischen nicht nur Bachelor, sondern auch Bachelorette und sogar Prince Charming, aber keinen Shopping King? – ein scheinbar aus der Art geschlagenes Exemplar.

Ein mittelalter Mann wählt Röcke und Oberteile aus, bringt sie seiner Frau in die Kabine, bringt zurück, berät sie, holt Accessoires. Und er hat ein Kleinkind auf dem Arm, das nöckelt. Der Mann ist die Ruhe selbst, verdreht keine Augen und drängelt nicht.

Seither überlege ich, ob ich nur neidisch bin oder aber diese Entwicklung überhaupt gut heißen soll. Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße. Aber sollen wir das Eindringen in unsere letzte Domäne zulassen? Beute machen muss Frauensache bleiben.



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