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Wurden in Hameln wirklich Dienstboten „billig abgespeist“?

Als der Lachs noch Brotfisch war

In und über Hameln wird wie in fast allen größeren Städten Mitteleuropas, welche an den Nord- und Ostsee zustrebenden Flussläufen gelegen sind, ein und dieselbe Geschichte immer wieder erzählt: Früher, im 19. Jahrhundert, protestierten die Dienstboten dagegen, an mehreren Tagen in der Woche Lachs essen zu müssen. Angeblich ließen sie sogar bei Antritt eines neuen Arbeitsverhältnisses vertraglich festlegen, nicht mehr als fünf- oder dreimal Lachs wöchentlich zu bekommen. Denn zu diesen Zeiten war der Fisch in den Flüssen noch zuhauf vorhanden. Die Figur, die der berühmten Brüsseler Bronzefigur „Manneken Pis“ ähnelt, wird im Hamelner Volksmund auch oft salopp so bezeichnet. Der Brunnen auf dem Münsterkirchhof wurde im Jahr 1912 zur Erinnerung an den ergiebigen Lachsfang in der Weser aufgestellt. Durch die Fuldakanalisierung und die Errichtung von Staustufen kam das Vorkommen der Lachse allerdings Ende des 19. Jahrhunderts zum Erliegen. Der Lachsbrunnen – so der offizielle Name – zeigt einen nackten Knaben mit einem Lachs im Arm, der aus seinem Maul Wasser speien kann. Stifter ist der ehemalige Ziegeleibesitzer Hermann Rese, dessen Betrieb an der Ohsener Straße befand.

veröffentlicht am 20.02.2015 um 06:00 Uhr

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Olaf Piontek vom Hamelner Stadtarchiv bekam schon öfter Anfragen, was es denn mit einer städtischen Hamelner (Gesinde-)Verordnung zum Lachsverzehr auf sich habe. „Diese Legende haben wir noch nie mit einem Schriftstück belegen können“, heißt es von dem Archivar. Im Hamelner Stadtarchiv gibt es also keinen offiziellen Nachweis darüber, ob es so eine Verordnung in der Stadt tatsächlich jemals gegeben hat. Für ganz ausgeschlossen hält es Piontek aber trotzdem nicht, dass ein derartiges Schriftstück einmal existiert haben könnte. Denn schließlich war der damals sehr hohe Lachsbestand in der Weser für die Ernährung der gesamten Stadt von besonderer Bedeutung. Heute gibt es die gesunden Speisefische allerdings nicht mehr in der Weser.

In Hameln wurde der letzte Weserlachs 1928 am Hamelner Wehr gefangen. Mit dem Lachsprojekt des Bezirks 8 (Weser) versuchten acht Sportfischer- und Anglervereine aus dem Bereich zwischen Rinteln und Holzmindenn den Lachs in der Weser wieder heimisch zu machen. Von 2005 bis 2010 setzten sie jedes Jahr um die 30 000 Junglachse in der Weser und ihren Nebenflüssen aus. Die Kosten von 10 000 Euro pro Jahr teilten sie sich. Von den Jungfischen kam allerdings niemals ein einziger bis nach Hameln zurück. Als Wanderfische verbringen Lachse ihre Wachstumsphase im Meer, wandern aber zum Laichen zurück in die Flüsse, in denen sie geschlüpft sind. Diese Wanderung ist voller Hindernisse und kann bis zu einem Jahr dauern. Zwischen Anfang November bis Ende Februar erreichen sie ihr Ziel in den Oberläufen der Flüsse, wo die Weibchen bis zu 30 000 Eier ablaichen, die von mehreren Männchen befruchtet werden. Als das Lachsprojekt eingestellt wurde, schätzte der ehemalige Bezirks-Gewässerwart des Angler-Vereins Bodenwerder, Arnold Schumacher, dass das Fernbleiben der Lachse wahrscheinlich an der Wasserqualität der Weser läge, denn Lachse reagieren sehr empfindlich darauf. In der Weser seien durch den Kali-Bergbau an der Werra einfach zu viel Salze gelöst. Außerdem machten den Fischen die Querverbauungen von Wehren und Kraftwerken zu schaffen, weil sie so nicht aufsteigen könnten.

Die heutigen Speiselachse kommen zumeist aus Aqua-Zuchtfarmen im Atlantik. Der WWF äußert allerdings ökologische Bedenken dagegen: Um Fisch aus Aquakultur-Anlagen zu züchten, wird zusätzlich Wildfisch gefangen und verfüttert, das ist oftmals nicht nachhaltig. Außerdem verursachen sie große Umweltschäden durch Chemikalien, Nahrungsreste, Fischkot und Antibiotika, die aus den offenen Käfigen in die Meere gelangen. Zudem können sich durch die Haltung vieler Tiere auf engem Raum Krankheiten unter ihnen schnell verbreiten. Viele Aquakulturen werden dort errichtet, wo die Art gar nicht heimisch ist, wodurch entkommene Tiere dann das natürliche Gleichgewicht stören.



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