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1927 soll das Handwerk im damaligen Gewerbehaus groß rauskommen – der Versuch scheiterte

Als der „Grüne Reiter“ ein Fehlschlag war

Der ehemalige Hamelner Oberbürgermeister Ado Jürgens war der Kultur gegenüber sehr aufgeschlossen. Er initiierte die Genossenschaft „Hamelner Gewerbehaus Grüner Reiter“, die den Verkauf kunsthandwerklicher Produkte fördern sollte. Als Ausstellungs- und Verkaufsraum war 1926 das Erdgeschoss der ehemaligen Garnisonkirche hergerichtet worden. Es war ein ehrgeiziger Versuch, künstlerische und kommerzielle Interessen zu vereinen.

veröffentlicht am 29.09.2014 um 06:00 Uhr

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In zahlreichen Schreiben hatte Jürgens für seine Idee geworben: Das Gewerbehaus soll „das Tischlerhandwerk von Hameln und Umgegend, die Kunsttöpfereien, die Blau- und Seidendruckbetriebe und ähnliche handwerkliche Werkstätten fördern und ihre Erzeugnisse im Erdgeschoß der ehemaligen Garnisonkirche verkaufen. In diesem großen Verkaufsraume sollen auch andere Sachen, darunter Tapeten, Beleuchtungskörper, Fliesen, alles was ein kultivierter Mensch für die Einrichtung seiner Wohnung bedarf, zum Verkauf kommen. Der Verkauf wird sich nicht beschränken auf den Absatz am Orte, sondern soll auch zu einem Versandgeschäfte durch Vermittlung des Bundes Deutscher Architekten entwickelt werden.“ Das waren ambitionierte Ziele.

Die für Oktober 1926 vorgesehene Gründung der Genossenschaft kam erst im Juni 1927 zustande, was das Unternehmen nicht hinderte, zwischenzeitlich schon zu agieren. Am 15. März 1927 wurden die Räume der umgebauten Garnisonkirche in einem Festakt ihrer neuen Bestimmung übergeben. In seiner Ansprache äußerte der Oberbürgermeister den Wunsch: „Möge das Handwerk einer neuen Entwicklung entgegengehen, nicht in einem hoffnungslosen Wettbewerb mit der Industrie, sondern indem es fortfährt, eigene Wege zu beschreiten.“ Die Genossenschaft präsentierte Produkte aus kunstgewerblichen Werkstätten. Besonders sei hier auf die Arbeiten dreier Kunsthandwerker hingewiesen, die zu ihrer Zeit auch überregionale Bedeutung erlangten: Gertrud Kraut, Johann Heinrich Landwehr und Hans Seutemann.

Die Töpferin Gertrud Kraut siedelte 1922 mit ihrer Werkstatt von Duingen nach Hameln über, beteiligte sich hier an der „Hamelner Töpferei GmbH“ und gründete bald darauf eine eigene Werkstatt am Langen Wall. Dem Hamelner Keramik-Kunsthandwerk gab sie insbesondere im Bereich der Glasur-Technik wichtige Impulse. Johann Heinrich Landwehr war Lehrer an der Kasseler Akademie, bevor er Zeichenlehrer am Hamelner Lyzeum wurde. Landwehr setzte sich für die Wiederbelebung des Blaudrucks ein und baute eine eigene Weberei auf, deren Produkte in Deutschland und im europäischen Ausland Anklang fanden. Hans Seutemann, ursprünglich Gartenarchitekt, fand nach seiner Kriegsverwundung den Weg zur Korbflechterei. Neben der Wiederaufnahme traditioneller, längst vergessen geglaubter Formen entwickelte er mit Hilfe von Laborversuchen ein neues Verfahren der Indanthrenfärbung. Hamelner Tischler stellten Möbel aus, traten allerdings erst 1928 in die Genossenschaft ein. Die Stadtwerke präsentierten Badezimmer und Kücheneinrichtungen, um für ihren Laden in der Hafenstraße zu werben. Auf Druck privater Installateurbetriebe mussten sie die Ausstellung aber bereits nach einem Jahr aufgeben.

Geschäftlich war das „Hamelner Gewerbehaus Grüner Reiter“ ein Fehlschlag. Mitte 1927 beklagte der Geschäftsführer einen katastrophalen Verkauf. Das Unternehmen krankte an einem Mangel an Betriebskapital. Auch die 1928 durch eine städtische Bürgschaft ermöglichte Aufnahme eines Darlehens über 30 000 RM konnte die Genossenschaft nicht retten. Weil in der Garnisonkirche die Sparkasse untergebracht wurde, musste man im Herbst 1929 neue Räume im renovierten und durch einen Anbau erweiterten Heiliggeisthospital beziehen. Das brachte erneut Umsatzeinbußen mit sich. 1930 wurde die Genossenschaft aufgelöst. Neben der Klinkerwerksaffäre war das Projekt „Grüner Reiter“ der zweite große Misserfolg unter Verantwortung von Oberbürgermeister Ado Jürgens. Jürgens musste am 1. Dezember 1930 sein Amt aufgeben. Der Misserfolg der Genossenschaft hatte dazu beigetragen. Die Nationalsozialisten schlachteten die Pleite als symptomatisch für den Missbrauch öffentlicher Gelder in der „Systemzeit“ aus.

Weitere historische Fotos unter

zeitreise.

dewezet.de

Der 1929 für das „Hamelner Gewerbehaus Grüner Reiter“ fertiggestellte Anbau an das Heiliggeisthospital (Bild links) birgt heute das „Ristorante Gino Grüner Reiter“ (Bild unten).

Stadtarchiv Hameln/Gelderblom



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