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Juhu, wir feiern Gegenteiltag – seit Monaten

Alles steht kopf

Lang ist es nicht mehr hin: Am 25. Januar steht der Gegenteiltag im Kalender. Diesen fraglos bedeutungsvollen Tag hat sich angeblich der amerikanische Politiker Alexander K. Craig vor rund anderthalb Jahrhunderten ausgedacht. Mal alles andersherum meinen und machen – wie lustig. Aber bei allem Respekt vor so viel Geschichte: In diesem Jahr lassen wir den Tag mal ausfallen, o. k.? Nicht wegen Lockdown und Hygienevorschriften. Nein, wir haben nur jetzt schon Hunderte Gegenteiltage hintereinander gefeiert. Danke, Mr. Craig, es reicht!

veröffentlicht am 16.01.2021 um 09:00 Uhr
aktualisiert am 21.01.2021 um 12:50 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

Simpelste Regeln sind seit Monaten auf den Kopf gestellt. „Wenn es so eben geht“, hören wir dieser Tage Politiker im Fernsehen appellieren, „sollten die Leute es vermeiden, Bus zu fahren.“ Nur zu gerne würde ich das nun als Video zurück ins Facebook des Jahres 2018 laden. Was für ein Lacher! Solche Tipps hatten wir schließlich – der Verkehrskollaps, das Klima – ganz anders im Ohr.

An grundlegende Umkehrungen haben wir uns längst gewöhnt: Wer ein gesundes Leben führen und dabei auch noch gesellschaftliche Verantwortung demonstrieren möchte, bleibt mit seinem Hintern auf dem Sofa, futtert Chips aus dem zimmerfüllenden Familienvorrat – selten einkaufen heißt viel einkaufen – und guckt Netflix. Rausgehen? Sozialleben? Gesundheitliches Teufelszeug! Immerhin: Gegen Vitamine spricht weiterhin grundsätzlich nichts, glaube ich. Die Chips sind also nicht zwingend.

Und als Weihnachtsgeschenk erhielten diesmal endlich auch diejenigen einen echten Liebesbeweis, bei denen es ansonsten im Zwischenmenschlichen hapert: Denn Ferne heißt die neue Nähe, Abwesenheit ist Anteilnahme, einfacher: Wegbleiben ist das neue Besuchen. Wieder kein einziger Gast zum Fest? Diesmal vielleicht ein Zeichen großer Fürsorge, ja: Liebe. Lustig? Geht so.

Aber die Verdreherei des Gewohnten bezieht sich ja längst nicht mehr nur auf die überaus lästige Pandemie. In einem Land, das uns nach finsterster Diktatur einst Demokratie und freiheitliche Lebensart nahebrachte, schickt der Präsident einen rechten Mob auf den Weg ins Parlament. Und Holstein Kiel? Kickt den FC Bayern aus dem Pokal – nein, wirklich nicht umgekehrt. Im Stadion waren keine Fans außer Rand und Band. Kürzlich – beim Schneechaos in Madrid – galten sogar mal Geländewagen, sonst als fußgängerfressende Citypanzer nicht unumstritten, als optimale Stadtautos.

Vielleicht darf es da nicht wundern, dass bei so verdrehten Verhältnissen mancher zum Überdrehen neigt. Wer sich im Internet heute noch auf Seiten derer verirrt, die lustigerweise manchmal „Coronakritiker“ genannt werden (dabei findet sich wohl niemand, der an Corona so gar nichts auszusetzen hätte), taucht ein in einen ganz besonderen Gegenteilstrudel: Impfen? Tödlich! Forschung? Lügen! Demokraten? Diktatoren! Autokraten? Freiheitskämpfer! Und so weiter und so weiter. Ohne Schwindel kommt aus diesen Schleifen niemand raus. Auch der komplette Orientierungsverlust ist möglich. Nicht mehr lustig.

Stürmische Zeiten also. Verhalten wir uns für eine Weile vielleicht so wie auf der Überfahrt bei schwerer See: den Blick auf den Horizont gerichtet. Der Himmel bleibt oben, das ändert sich wohl nie. Und irgendwo da hinten wird’s ganz bestimmt wieder ruhiger. Spätestens an Land. Mit seinen Biergärten, Kinos und Straßenfesten. Wir sehen und dort!



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