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Das alte Neersener Pfarrhaus aus dem 19. Jahrhundert

150 Jahre das Dorfbild geprägt

Das alte Pfarrhaus in Neersen, nördlich gegenüber der im Dorfmittelpunkt 1536 erbauten Paulus-Kirche gelegen, prägte über 150 Jahre das Dorfbild des Pyrmonter Bergortsteils Neersen auf der Ottensteiner Hochebene mit. Das schöne und mit einem Halbwalmdach ausgestattete Fachwerkhaus wurde gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts direkt an der Dorfstraße in der Amtszeit von Pastor Henrich Philipp Christian Albracht, dem späteren Pyrmonter Kircheninspektor in der Superintendentur, erbaut.

veröffentlicht am 27.10.2014 um 06:00 Uhr

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Das stattliche zweigeschossige Gebäude war an der Vorderseite zur Paulus-Kirche hin unterteilt mit einer vorstehenden Veranda als Eingang zum Wohnbereich, in dem sich auch das Pfarramt mit einem „Studierzimmer“, der Registratur und das Pfarrarchiv befand sowie einem großen „Scheunentor“ zum Wirtschaftsteil mit den Stallungen des Hauses. Von hier aus konnte auch der Konfirmandensaal, der sich in der oberen Etage des Hauses befand, über eine Holzstiege erreicht werden. Das Pfarrhaus wurde im Jahre 1800 durch den Landzimmermeister Justus Brandt aus Pyrmont erbaut, der auch, wie Pastor Carl Cordes 1936 im gleichen Zusammenhang in seinem Manuskript zur „Geschichte der Kirche und des Kirchspiels Neersen“ beschreibt, den im Jahre 1818 einsturzgefährdeten Glockenturm der Kirche erneuert hatte. Auf dem großräumigen Grundstück befand sich hinter dem Pfarrhaus ein Obst- und Küchengarten mit einer sich anschließenden Wiese.

In der Amtszeit von Pastor Franz Ramm wird in der Mitte des 17. Jahrhunderts im Salbuch der Grafschaft Pyrmont aus dem Jahre 1669, „Die Dörfer auf dem Berge“ bereits ein Pfarrgrundstück genannt: „…Henrich Zur Mühlen… hat auf der Kottnerei …ein Haus, stünde mit dem einen Giebel im Süden, mit dem andern im Norden zwischen Herman Sundergelt und des Pastori neu gekauften Guhte …“. Franz Ramm stammte aus dem waldeckischen Mengeringhausen und wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) als Pastor nach Neersen beordert, wo er nach den verheerenden Wirren des langen Krieges „alles öde und wüst vorfand und das Pfarrland auch unbestellt war“. In der Regel bewirtschaftete der Neersener Pastor in dieser Zeit 36 Morgen Land, das die Gemeindeglieder zu bearbeiten hatten und dem Pastor somit dienstpflichtig waren. Nach Christoph Völkers, „Die Geschichte der katholischen Kirche in der Grafschaft Pyrmont bis zum Jahre 1668, Tübingen, 1934“ mussten die Meier jeweils einen halben Tag mit dem Pflug, die Köttner mit der Egge und die „Geringen“ mit Mähen und Binden dem Pastor dienen. Hinzu kamen die kirchlichen Naturalabgaben in Form von drei Malter Roggen und zwei Malter Gerste. Zu Weihnachten sammelte der Pastor Brot und Wurst und zu Ostern Eier und an den vier Hochzeitsfesten bekam er das Kommunionopfer. Zudem hatte der Pastor Anteil an der Viehmastung auf den hierfür vorgesehenen gemeinschaftlich genutzten Dorfflächen und am Mittwoch nach Pfingsten musste ihm jeder ein Fuder Holz fahren.

Das Kirchspiel (Pfarrbezirk oder Parochie) Neersen bildete seit vielen Jahrhunderten den kirchlichen Mittelpunkt für die fünf Pyrmonter Bergdörfer Baarsen, Eichenborn, Großenberg, Kleinenberg und Neersen. Ein Pfarrer von Neersen wird im Jahre 1263 genannt, als ein „sacerdos (Priester) Thiederich von Nedersen“ urkundlich als Zeuge bei einer Übertragung von Gütern durch Hermann Graf von Everstein und seiner Frau Hedwig an das Kloster in Falkenhagen auftritt. Die Paulus-Kirche selbst wurde 1536 in der Zeit der Grafen von Spiegelberg in Pyrmont erbaut, die durch den Neubau der Kirche in Neersen gleichzeitig auch ihren Herrschaftsanspruch auf die westliche Seite der Ottensteiner Hochebene gegenüber dem welfischen Amt Ottenstein unterstreichen wollten.

Das alte Pfarrhaus in Neerrsen. pr

Zu Beginn der Sechziger Jahre war das alte stattliche Pfarrhaus allmählich doch „in die Jahre gekommen“ und es wurde unter der Leitung von Pastor Otto entschieden, das Fachwerkgebäude abzureißen und durch ein neues zeitgemäßes Pfarrhaus zu ersetzen. Das Haus sollte aber etwas zurückgesetzt im Pfarrgarten erbaut werden, da gleichzeitig ein großzügiger Gemeindesaal für die vielfältigen Veranstaltungen der Kirchengemeinde direkt an der Dorfstraße, etwa an gleicher Stelle des alten Pfarrhauses, gegenüber der Paulus-Kirche entstehen sollte.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Dort, wo das alte Pfarrhaus gestanden hat, steht heute das Gemeindehaus – direkt an der Straße.

Das ehemalige „neue Pfarrhaus“ liegt hinter dem Gemeindehaus. Es wird seit 2011 nicht mehr als Pfarrhaus genutzt.

Im Hintergrund ist das ehemalige „neue“ Pfarrhaus zu sehen.pr



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