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Als Kinder aus Schlesien vertrieben, haben sie Hameln geprägt

Wie die Neumarkter die Erinnerung an die Heimat wachhalten

HAMELN. Heimatvertriebene – das sind sie bis heute. Obwohl sie vor mehr als 70 Jahren, schon als kleine Kinder, nach Hameln kamen. Ein Besuch bei Neumarktern.

veröffentlicht am 13.05.2019 um 12:47 Uhr
aktualisiert am 14.05.2019 um 12:40 Uhr

Eine Ansichtskarte zeigt das Zentrum von Neumarkt vor dem Krieg. Foto: Stadt Hameln/Neumarkter Verein; Dewezet-Archiv
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Sie haben Hameln geprägt. Zu Tausenden kamen sie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hameln: Menschen aus den zuvor deutschen Ostgebieten. Geflüchtet, zwangsumgesiedelt, vertrieben. Gemeinsam mit Flüchtlingen aus der späteren DDR ließen sie die städtische Bevölkerung deutlich anwachsen: Bei einer Einwohnerzahl von knapp 32 000 nahm Hameln bis 1949 etwa 13 000 Flüchtlinge auf – unter ihnen viele aus dem schlesischen Kreis Neumarkt (heute: Sroda Slaska). An der Neumarkter Allee beispielsweise, am Ostpreußen- und Schlesierweg wurden Häuser für sie gebaut.

Am 14. August 1954 übernahm Hameln offiziell die Patenschaft für den „schlesischen Kreis Neumarkt“. Das erste Neumarkter Heimattreffen wurde gefeiert, mehr als 5000 Gäste reisten an.

Doch so einfach und nüchtern liest sich dieses Stück Geschichte nicht mehr, wenn jemand wie Barbara Depping davon erzählt. „Meine Heimat ist Ossig“, sagt die 79-Jährige noch heute. „Ich kenn alle meine Wege dort, die ich als Kind gegangen bin.“ Ossig hieß ein Dorf südlich von Neumarkt. Als Kind wurde Barbara Depping wie so viele andere Deutsche der Region zur „Heimatvertriebenen“. Ihre Mutter war bereits 1943 gestorben, ihr Vater kam nach Stalingrad erst Jahre später aus sowjetischer Gefangenschaft zurück. Ein Onkel nahm sich ihrer an. Zuvor war bereits ein erster Fluchtversuch vor der Roten Armee gescheitert. „Ich dachte, es lägen Puppen im Straßengraben – das waren tote Kinder“, erinnert sich Barbara Depping an diese Zeiten. 1946 wurden die verbliebenen Deutschen dann von den polnischen Behörden ausgewiesen. Der Güterzug hielt in Hameln. Sechs Jahre war sie damals. „Da wurde später nie drüber gesprochen.“

4 Bilder

Wir treffen Barbara Depping in der „Heimatstube“ des Neumarkter Vereins. An der Hannoverschen Straße in Afferde, sie mündet – immerhin passend – in die Breslauer Straße. Bis zum Umbau des Hamelner Museums hatten die Neumarkter ihre „Heimatstube“ im Museum an der Osterstraße. Nun also ein Keller in Afferde. Früher war in den Räumen eine Heißmangel untergebracht. Nun findet sich über etliche Regalmeter Material zur Geschichte des Kreises Neumarkt, Neumarkter Trachten, auch Kanonenkugeln von der Schlacht bei Leuthen im Jahre 1757, Originale, wie Klaus Labude, stellvertretender Vorsitzender des Vereins versichert. Auch Leuthen liegt im einstigen Kreis Neumarkt. Bewahrte Heimatgeschichte für die Neumarkter. „Ich glaube, das ist hier alles besser dokumentiert als die Geschichte von Hameln-Pyrmont“, sagt Barbara Deppings Ehemann August. Klaus Labude hat an diesem Morgen schon eine kleine Reise hinter sich. Er lebt in Hilter bei Osnabrück. Zwar hat der Neumarkter Verein seinen Sitz seit Jahrzehnten in Hameln, vereint jedoch einstige Bewohner des schlesischen Kreises aus ganz Deutschland. Mit sieben Jahren wurde auch Labude mit seiner Familie ausgewiesen. Schlesier blieb er: „Neumarkt ist noch meine Heimat“, sagt auch der 80-Jährige – Orte, Landschaft, die Mentalität der Schlesier.

Gut, als er bei einem seiner Besuche in jüngerer Zeit beim Weinfest durch Sroda Slaska gegangen sei, durch die polnisch sprechende Menschenmenge, da habe er mal gesagt: „Das ist nicht mehr mein Neumarkt.“ An der gefühlten und erinnerten Heimat ändern solche neuen Eindrücke wohl nichts.

Die Biografien verbinden die Heimatvertriebenen: Eine Kindheit, wie fast jede Kindheit überzogen von nostalgischem Glanz, brutal beendet vom Trauma: von Krieg, Tod, Misshandlungen, Verlust und Vertreibung. Dann der Neuanfang in der Fremde – als nicht immer willkommene Fremde. Es klingt bis heute wie eine Vertreibung aus dem Paradies. „Meine Mutter hat oft gesagt: Deine Konfirmation feiern wir wieder in Neumarkt“, erinnert sich Labude. Erlebnisberichte der Neumarkter sind gut dokumentiert: Die Hamelnerin Ruth Lipinski sammelte sie und brachte sie als Buch heraus.

Immer wieder organisiert der Verein Reisen in die alte Heimat. Heute klingen die Erzählungen nach netten Kontakten zu polnischen Bewohnern von Sroda Slaska, nach Völkerverständigung. Offizielle der Stadt, Bürgermeister und Landrat, besuchten bereits die Heimattreffen der Neumarkter. Mit Revanchismus wollen Labude und die anderen Neumarkter am Tisch nichts zu tun haben. Unbelastet von dem, was zur Vertreibung führte, dem von Deutschen begonnenen Krieg, waren die Fahrten und das Vereinsleben der Neumarkter in der Vergangenheit aber oft nicht. Auch in Neumarkt wurden Juden verfolgt, die Synagoge niedergebrannt. „Als wir 1974 zum ersten Mal ins Heimatdorf meiner Frau fuhren, standen vor einigen Häusern Polen, die schimpften“, erzählt August Depping und macht zur Erklärung eine abwinkende Bewegung mit beiden Armen: Ihr kommt hier nicht rein, lautete die Botschaft.

Die Zeiten ändern sich – nicht immer zum Guten. In den vergangenen Jahren dämpfte der Rechtsruck in Polen die Begeisterung für offizielle Kontakte. Anderseits: „Heute bezeichnen sich viele Polen, die heute dort leben, als Schlesier“, sagt Labude. Mittlerweile seien drei oder vier Mitglieder des Neumarkter Vereins „echte Polen“. Die ursprünglichen Neumarkter werden weniger: Rund 1500 waren noch bis in die 80er Jahre Vereinsmitglieder. Heute halten noch rund 360 von ihnen die Erinnerung an Neumarkt wach – an die „Heimat“.



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