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Wie fühlt es sich an, heimatlos zu sein?

Lieber fremd als heimisch: Wandergesellen berichten

Drei Jahre und einen Tag sind Handwerker auf der Walz von ihrer Heimat getrennt. In dieser Zeit dürfen sich Wandergesellen ihrer Heimat nicht nähern. Doch wie fühlt es sich an, alles hinter sich zu lassen? Die Dewezet hat im Rahmen der Heimat-Serie mit einem Wandergesellen gesprochen.

veröffentlicht am 17.05.2019 um 17:40 Uhr

In voller Zimmerer-Kluft steht Michel mit Gepäck und Wanderstock am Straßenrand. Auf der Walz trampt er oft von Ort zu Ort. Foto: mw
Maximilian Wehner

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„Ich möchte mich nicht heimisch fühlen, ich will fremd sein“, sagt Michel, fremder freireisender Zimmerer – den Titel, den er seit Anfang seiner Zeit auf der Walz anstatt seines Nachnamens trägt, als wäre es das Normalste auf der Welt. Das Gefühl der Fremde sei ihm während dieser Phase lieber als die Heimat. Er habe sich bewusst für diesen Schritt entschieden, um zu lernen, auf sich alleine gestellt zu sein und mit allen Sorgen und Problemen selbst fertig zu werden. Denn während der Wanderjahre ist es ihm nicht erlaubt, nach Hause zurückzukehren. Es gibt einen Bannkreis von 50 Kilometern um die Orte, in denen er sich heimisch fühle. „In dieser Zeit ist es wichtig, die Heimat in sich selbst zu finden“, erzählt er. Dies sei aber nicht ganz einfach. „Das Gefühl, einsam zu sein, schleicht sich schnell ein.“ Während der Walz gebe es so viele Momente, in denen er sich einsam fühle, in denen er nicht weitergewusst habe. Dann sprudeln die Gefühle aus ihm heraus. „Manchmal habe ich einfach geheult. Das sind so krasse Gefühle. Man lernt aber, damit umzugehen.“

Manchmal habe ich das Gefühl, die Familie im Stich zu lassen. Jetzt bin ich nicht da. Das fühlt sich egoistisch an.

Michel Fremder, freireisender Zimmerer

Als seine Heimat bezeichnet Michel Orte, an denen er sich zu Hause fühle. „Heimat ist da, wo meine Wurzeln sind, wo ich sesshaft werden möchte, wo ich akzeptiert werde, wie ich bin.“ Heimat sei aber nicht unbedingt ortsabhängig, es gebe auch Menschen, bei denen er sich heimisch fühle.

Michel ist nun seit rund einem Jahr auf Wanderschaft. Weit weg von den Orten, in denen er groß geworden ist, in denen er sich heimisch fühlt. Groß war der Respekt davor, alles stehen und liegen zu lassen und ohne seine Familie, seine Freundin und seine Freunde loszuziehen. Bereits im Vorfeld hatte er sich bei anderen Wandergesellen informiert, ist zu Treffen gereist und war bei Wandergesellen-Baustellen dabei, wo er schließlich auch seinen Exportgesellen kennengelernt hat. Das ist ein Wandergeselle, der schon länger auf der Walz ist. Er begleitet den Neuen für einige Monate, weist ihn in die Strukturen ein, klärt über Regeln auf und zeigt Kniffe und Tricks, um die Walz erfolgreich zu meistern. „Es hat sich angefühlt wie ein Heiratsantrag“, beschreibt Michel den Moment, als sein Exportgeselle ihn gefragt hat, ob sie zusammen auf die Walz gehen möchten. Und er hat „Ja“ gesagt. Seine Eltern haben diese Entscheidung „relativ gefasst aufgenommen“. Nur seine kleine Schwester konnte nicht ganz verstehen, warum Michel nun für mehrere Jahre weg sei, erzählt der 24-Jährige: „Meine Eltern sind super stolz.“ Sie haben zu seinem Abschied extra ein Lied gedichtet.

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Ganz unbekannt ist ihm das Gefühl der Heimatlosigkeit aber nicht. Bevor er auf Wanderschaft ging, war er schon ein Jahr in Neuseeland gewesen. Da gab es auch keine Möglichkeit, von einem auf den anderen Moment wieder in die Heimat zurückzukehren, schildert Michel. Es gibt dennoch einen entscheidenden Unterschied. Denn Handwerker auf der Walz dürfen kein Handy besitzen. Das macht den Heimatverlust auf Zeit deutlich greifbarer. Dennoch ist es für Michel „befreiend, kein Handy zu haben“. Er erzählt, dass er die Realität ganz anders erlebe – viel bewusster. Der Blick auf die Welt sei in vielen Situationen ganz anders, die Gespräche viel intensiver. Das Handy wäre für ihn derzeit nur störend.

Immer wieder denkt er aber auch an seine Familie und Freunde, die in seinem Heimatort Herborn in Hessen und dem Ausbildungsort Kiel zurückgeblieben sind. „Manchmal habe ich das Gefühl, die Familie im Stich zu lassen. Jetzt bin ich nicht da. Das fühlt sich egoistisch an“, sagt Michel mit schwerem Herzen. „Ich vermisse meine Familie und meine Freunde, aber ich weiß, da ist noch wer. Die Personen sind nicht für immer weg.“ Außerdem gebe es immer die Möglichkeit, dass Angehörige ihn besuchen. Das helfe ungemein, mit dem Heimweh klarzukommen. Besonders vermisse er seine Freundin. Oftmals „ist das schwer“, sagt Michel. Trotzdem sei das Gefühl, „etwas vermissen zu können“, viel schöner. Und wenn er gar nicht mehr weiterwisse, gebe es da noch andere Wandergesellen, die während der Wanderjahre „wie eine Familie“ sind. Mit ihnen verbringe er auch Feiertage wie Ostern oder Weihnachten.

Wo der 24-Jährige in den nächsten Jahren hin möchte, ist ihm noch nicht klar. Es gebe aber eine Faustregel, betont er: Im ersten Jahr sollen Wandergesellen durch Deutschland reisen, im zweiten Jahr durch Europa und im dritten Jahr durch die ganze Welt. „Wir sind überall, nur nicht zu Hause.“ Derzeit arbeitet er in Hameln. Er ist einer von 15 Wandergesellen, die an der Walkemühle das Dach neu eindecken (wir berichteten). Er wolle „weiterziehen, wenn die Baustelle fertig ist.“ Er wisse aber nicht, wo „Mathilda“, wie die Straße unter den Wandergesellen genannt wird, ihn hinführe. Einen Plan hat Michel nichtsdestotrotz: Er möchte wie Brösels Zeichentrick-Figur Werner „nach Korsika und Flachköpper machen“.

Viel schwieriger als das Losgehen sei laut Lala, einer einheimischen Tischlerin, aber das Heimkommen: „Ich bin nach fast vier Jahren Wanderschaft nach Hause gegangen.“ Alles habe sich weiterentwickelt, auch sie sich selbst. Dann sei es schwierig, „da weiterzumachen, wo man aufgehört hat“. Von einem auf den anderen Tag von der Freiheit wieder in den Alltag zurückzukommen, sei keine einfache Aufgabe. Lala erzählt, dass ihr am Anfang „die Decke auf den Kopf gefallen“ sei. „Man braucht Zeit, um wieder zu Hause anzukommen“, sagt sie. Nun habe sie sich in ihrer alten Umgebung wieder eingelebt. Es sei schön, wieder zu Hause zu sein, aber die Erlebnisse auf der Walz möchte sie nicht missen. Sie habe so viele positive Erfahrungen gemacht und auch den Glauben an die Menschheit wiederentdeckt, sagt Lala. Und Michel nickt dazu.



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