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Drei Web-Erfahrene erzählen

Kann Heimat digital sein?

Von Freundschaft, Heimatgruppen und Nostalgie im Internet: Wir haben mit einem der Administratoren der Gruppe „Wenn Du in Hameln aufgewachsen bist, dann...“ gesprochen, etwas über eine 20 Jahre währende digitale Freundschaft erfahren und sind in der Facebook-Gruppe „Unser Hameln“ in die Vergangenheit eingetaucht.

veröffentlicht am 15.05.2019 um 13:41 Uhr
aktualisiert am 15.05.2019 um 15:18 Uhr

Aufnahmen der Heimat - ob historisch oder aktuell - erfreuen sich im Internet großer Beliebtheit. Foto: pixabay
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Nostalgie und Alltagstipps

Früher war Eintauchen in die mediale Welt harmloser, sagt Medienexperte Kai Tippenhauer. Foto: pr

Wenn du in Hameln aufgewachsen bist, dann...“ – so ist der Name einer Facebook-Gruppe mit nahezu 13 000 Mitgliedern, Tendenz steigend. Die meisten von ihnen sind stille, anonyme Konsumenten sozusagen. Nur etwa 150 kommentieren regelmäßig, und nur zwei Hände voll veröffentlichen genauso oft Beiträge, sagt Kai Tippenhauer. Er ist seit Gründung der Facebook-Gruppe im Jahr 2011 Administrator. Dem „dann...“ sollten gemeinsame Erinnerungen folgen, wie: ...dann bist du in Brunnen am Pferdemarkt gefallen (der allererste Post) Beste Voraussetzungen also für ein bisschen Heimatgefühl.

Bis heute folgten dem Aufruf unzählige Posts, Kommentare und Fotos. Für Kai Tippenhauer hat das gemeinsame Erinnern aber eher mit Nostalgie zu tun, als mit Heimat. Zwar komme es immer wieder vor, dass die Leute ihre Fotoalben hervorkramen, wenn eine Erinnerung hochkommt, doch weit mehr Interesse werde der Frage zuteil, wo es in Hameln die beste Currywurst gibt. Die Erinnerungsgruppe habe sich im Laufe der Zeit in eine Stadtgruppe verwandelt, in der mit Vorliebe aktuelle Themen besprochen werden, Rat gesucht und erteilt wird. Nicht selten werde aber nicht nur ver- sondern auch ausgeteilt. Die allgemeine Verrohung der Sprache im Internet habe auch vor der Gruppe nicht haltgemacht. Das wiederum scheint keine gute Grundlage für Heimatgefühle zu sein, denn beim Thema Heimat stehen naturgemäß Geborgenheit und Vertrauen ganz oben. Für Kai Tippenhauer ist das Internet schon aufgrund dieser Entwicklung keine Heimat. Früher sei das Eintauchen in die digitale Welt vergleichsweise harmlos gewesen, sagt er. Für den 43 - Jährigen, der sowohl beruflich (als Social-Media-Berater bei der Dewezet), als auch privat sehr viel im Netz unterwegs ist, ist die „physische Familie“deshalb nach eigener Aussage enorm wichtig. Sie bedeutet für ihn Ausgleich, Erholung und Korrektiv.

Vom Ton, der im Netz angeschlagen wird, vom Beharren auf Positionen, dem Nicht-Nachgeben-Können der Leute, ist er inzwischen manchmal genervt. Die anfängliche Erklärungswelle sei zur Empörungswelle geworden. Die Bereitschaft, Privates zu veröffentlichen, und damit etwas von sich preiszugeben, sinke, denn „die Meute wartet“, sagt Kai Tippenhauer.

Beste Freunde

Online-Spiele sind für Jan-Philipp Hullmann liebe Gewohnheit – ein wenig Heimat. Foto: pr

Er ist online, seit er 14 ist. Jan-Philipp Hullmann spielt im Netz, ist You Tuber und sowohl privat als auch als Videoreporter der Dewezet auf allen Kanälen der sozialen Medien unterwegs. Und, ja, Heimatgefühl kann für ihn auf eine bestimmte Art auch digital sein. Erdenkt dabei vor allem an seinen besten Freund. „Ich habe ihn im Netz kennengelernt“, sagt Jan Philipp Hullmann. „Das war noch bei ICQ, vor 20 Jahren“. (ICQ war in den 2000ern DER Messenger-Dienst unter den Teenies, Anm. der Redaktion).

Getroffen hat er seinen Freund, der in Köln wohnt, seitdem etwa fünfmal. Virtuell sehen sie sich indes fast täglich. Dabei haben sie die unterschiedlichsten Phasen durchlaufen: „Früher haben wir bei Börsen wie Napster Musik getauscht, heute unterhalten wir uns über Netflix, Games und You Tube.“

Wichtiger als diese Ebene ist dem 34-Jährigen allerdings das vertrauensvolle Miteinander mit dem Kumpel. Dass man sich alles erzählen kann. „Wir selbst finden das auch ziemlich creepy“, sagt er, und räumt ein: „Ich weiß nicht, ob das im echten Leben funktionieren würde.“

Fakt ist: Einen so guten Freund, wie seinen Kölner Kumpel hat Jan-Philipp im echten Leben nicht. „Vielleicht ist es das, was früher die Brieffreundschaft war“, mutmaßt er und befindet sich damit in bester Gesellschaft: Auch die Freunde Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller haben einander geschrieben – nahezu eintausend Briefe. Der Regisseur Wes Anderson und der Schauspieler Edward Norton sind einander brieflich ebenso innig verbunden wie es einst Clara Schumann und Johannes Brahms waren. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Ob sich noch einmal so eine Freundschaft im Netz entwickeln könnte, bezweifelt Jan-Philipp: „Heute bin ich vorsichtiger“, sagt er. Skepsis ist zum steten Begleiter geworden. Die Unvoreingenommenheit und die Haltung, dass der andere „erst mal nichts Schlechtes“ will, habe sich verflüchtigt.

Online ist Hullmann dennoch täglich. Neben dem Beruf hauptsächlich zu Unterhaltungszwecken. Ohne Spiele, sagt er, wäre das Leben schon langweiliger. Sie sind ihm liebgewordene Gewohnheit, die manchmal so etwas wie Heimat sind, zumindest aber einen Moment wie „Nach Hause kommen“ markieren. Zum Feierabend daddelt Jan-Philipp gern ein paar Runden, um runterzukommen, am liebsten den Ego-Shooter Apex oder Battle Royal. Das spielt er auch gerne zusammen, beziehungsweise gegen seinen Kölner Kumpel. „Hier schließt sich der Kreis für die digitale Heimat“, sagt er.

Digitale Erinnerungen

Für den gebürtigen Hamelner Gerhard Fricke kann Heimat digital sein. Foto: pr

Ja, antwortet Gerhard Fricke auf die Frage, ob es für ihn so etwas wie eine digitale Heimat gibt. „Der Begriff Heimat“, sagt er „ist nicht verbindlich.“ Heimat, das ist für ihn einerseits Hameln, die Stadt, in der er aufgewachsen ist. Mehr aber noch Münster, die Stadt in der er heute lebt. Und auch die Facebook-Gruppe „Unser Hameln“, in der der 59-Jährige emsig historische Fotos aus Hameln hochlädt, ist für ihn so etwas wie Heimat.

Er mag das wohlige Gefühl, das sich einstelle, wenn er bestimmte Bilder der Stadt sieht. Zu seinen Lieblingsmotiven gehören zum Beispiel die Fotos von der alten Weserbrücke aus dem Jahr 1931/32. Wenn er Fotos in die Gruppe stellt, sei er jedes Mal gespannt auf die Reaktion der anderen, sagt Gerhard Fricke. Die Menschen würden, anders als Bücher, individuelle Erinnerungen zu den Bildern liefern. „Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie stimmen müssen“, schränkt Fricke ein.

Das gemeinsame Erinnern, Kommentieren und Diskutieren ist Dreh- und Angelpunkt der Gruppe und funktioniere durch den selbst gesteckten Rahmen recht gut, sagt Fricke. Nervige Diskussionen, die vom Thema ablenken, gebe es kaum. Das sei noch anders gewesen, als er seine Bilder noch in der Gruppe „Wenn Du in Hameln aufgewachsen bist, dann...“ hochgeladen habe. „Um Nebenthemen zu vermeiden, haben wir extra diese Gruppe gegründet“, sagt der Münsteraner.

Die Mitglieder, mit denen er sich darüber austauscht, was sich in Hameln verändert hat oder an was man sich noch gut erinnert, sind in der ganzen Welt verteilt: Was in Hameln passiert, interessiert Ex-Hamelner in Australien, Kanada oder St. Petersburg. Heimatgefühle eben.

Dass er selbst eines der aktivsten Mitglieder geworden ist, habe er so gar nicht geplant, es habe sich einfach ergeben. „Ich bin geschichtlich interessiert und wollte hauptsächlich selbst Informationen haben“, sagt Gerhard Fricke. Abgesehen von seinem Faible für Fotografie hat ihn der Vorsatz, eine Familienchronik zu erstellen, dazu gebracht, sich mit den unzähligen Fotografien aus seinem Familienerbe zu befassen.

Doch in gewisser Weise scheint es die logische Konsequenz zu sein, dass Fricke zu einem der Hauptakteure geworden ist: Er hat rund 25 000 Dias (etwa 10 000 von Hameln), 60 000 Negative (davon 20 000 von Hameln) sowie etwa 100 Plattennegative. Außerdem 100 Bücher über und um Hameln, 400 Broschüren, Prospekte, Flyer und 8000 Ansichtskarten (6000 von Hameln). Die Negative sind erst zu rund 50 Prozent gescannt, die Ansichtskarten zu 80 Prozent. Insofern bleibt es spannend in der Gruppe „Unser Hameln.“



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