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Ein Gespräch mit Professor Samuel Salzborn über einen umstrittenen Begriff

„Heimat und Freiheit sind unvereinbar“

Ist von Heimat die Rede, kommt früher oder später auch die vorbelastete Geschichte dieses Begriffs zur Sprache. Doch worin besteht diese Belastung eigentlich? Und lässt sich diese durch eine neue Besetzung des Begriffs womöglich wieder aufheben? Ein Gespräch über Heimat und ihre Geschichte mit dem aus dem Weserbergland stammenden Politikwissenschaftler Professor Samuel Salzborn.

veröffentlicht am 03.05.2019 um 16:13 Uhr
aktualisiert am 06.05.2019 um 18:49 Uhr

Professor Samuel Salzborn ist Autor zahlreicher Fachbücher. Von 2012 bis 2017 lehrte er an der Georg-August-Universität Göttingen. Inzwischen ist er Gastprofessor für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und außerplanmäßiger
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Herr Salzborn, in Ihrem Buch „Grenzenlose Heimat“ über Vertriebenenverbände bezeichnen Sie „Heimat“ als einen „bis ins Innerste vergifteten Begriff“. Wieso?

Der Begriff „Heimat“ hebt als spezifische Sozialkategorie diese von anderen in ihrer historischen Bedeutungsdimension genuin ab und beinhaltet stets eine integrative Verbindung von geografischem Ort und bevölkerungspolitischer Zuschreibung. Insofern umfasst der Heimatbegriff eine strukturell völkische Dimension, da Menschen eine nicht-soziale und damit vorpolitische Verbindung mit einem konkreten Raum zugeschrieben wird, der zugleich nicht das subjektive Zugehörigkeitsgefühl betont, sondern eine kollektive Bindung von Menschengruppen an geografische Orte unterstellt.

Lehnen Sie den Begriff nur als Politikwissenschaftler ab oder generell?

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Die Hamelner grenzen sich von „den Lippern“ gerne ab und unterstellen ihnen etwa, nicht Auto fahren zu können. Der Haken daran ist laut Samuel Salzborn die Kollektivierung, die allen Menschen ungerecht wird. Foto: Dana

Das lässt sich ja schwer trennen: Wenn man als Wissenschaftler einen Begriff wie den der Heimat für politisch vergiftet und im Kern antiaufklärerisch hält, wird man ihn auch sonst nicht für tragfähig halten. Ich respektiere natürlich, dass Menschen für sich den Begriff gern anders verstehen wollen würden, muss aber trotzdem darauf hinweisen, dass es falsch bleibt – weil es bei Begriffen nicht darum geht, was jemand subjektiv dazu denkt oder meint, sondern jeder Begriff hat eine Geschichte, ist niemals geschichtslos, sondern in ihm sind Bedeutungskontexte eingeschrieben, die nicht subjektiv, sondern objektiv sind. Nehmen wir ein Beispiel: Man kann die deutschen Worte „Volk“ oder „Heimat“ nicht ins Englische oder Französische übersetzen – die Begriffe, mit denen man das versucht, meinen jeweils etwas völlig anderes: Weil man sich in der französischen oder britischen Geschichte über Jahrhunderte hinweg die repressive und ethnisierende Vorstellung, wie sie in der deutschen Sprache formuliert wurde, nicht vorstellen konnte: Es gab keine soziale Realität, deshalb auch keinen Begriff dafür.

Unsere Serie handelt zwar von Heimat im weitesten Sinne, nennt sich aber „Daheim“. Ein unbedenklicher Begriff?

„Daheim“ meint zumindest etwas komplett anderes als „Heimat“. Es geht ja bei der Kritik am Heimatbegriff nicht darum, Menschen einen positiven Bezug zu dem Ort, an dem sie gern leben, in Frage zu stellen, sondern ganz im Gegenteil darum, daran zu erinnern, dass es bei Begriffen eben nicht egal ist, welchen man wählt, da jeder etwas anderes beschreibt.

Die Hamelner grenzen sich gern von „den Lippern“ aus dem Nachbarkreis ab. Das am stärksten verbreitete und noch vergleichsweise harmlose Vorurteil: Die Lipper können nicht Auto fahren. Harmlose Scherzhaftigkeit oder schon die erste Stufe des Fremdenhasses?

Und was sagen „die“ Lipper? Dass Hamelner nicht Autofahren können? Tatsächlich ist der Satz doch wahr und falsch zugleich – es gibt sicher in Lippe Menschen die nicht gut Autofahren können, wie es auch solche gibt, die es sehr gut können. Der Haken ist die Kollektivierung, die allen Menschen ungerecht wird, weil Eigenschaften, Fähigkeiten oder Kompetenzen nie an einem Kollektiv hängen, sondern am einzelnen Menschen. Es gibt keine dauerhaften Kollektive, sie sind falsche Fantasien, die man nutzt, um eine komplexe Welt scheinbar verständlich zu machen.

Der Aerzener Psychotherapeut Dr. Ullrich Händchen sieht in Heimat vor deren etymologischen Hintergrund (altgermanisch: „sich hinlegen“) ein menschliches Grundbedürfnis nach einem Ort, an dem man sich geborgen und sicher fühlt. Diese Art von Heimatgefühl gibt es in Ihren Augen nicht?

Dieses Verständnis korrespondiert mit einem Heimatbegriff, wie er im Mittelalter Verwendung fand: Im Mittelalter sicherte das Heimatrecht dem ansässigen Dorfarmen die Hilfe seiner Gemeinde und stellte somit den Einbezug des (sozial schwachen) Individuums in die personale und genossenschaftliche Ordnung sicher. Dieser Begriff ist aber mit der Modernisierung und des Nationsbildungsprozesses, damit einer völlig neu etablierten Sozialordnung, obsolet geworden. Denn im 18. Jahrhundert wurden die Heimatvorstellungen im deutschen Sprachraum konzeptionell auf den Geburtsort beziehungsweise das Faktum der langen Niederlassung an einem Ort bezogen. Insbesondere im Rahmen der deutschen Nationswerdung wandelte sich damit der soziale Heimatbegriff in einen kulturellen. Die Heimat galt nun als bestimmbarer und festgefügter geografischer Raum mit regionalen und kulturellen Besonderheiten – und die sind immer, wie der Historiker Benedict Anderson sagen würde, „erfunden“. Denn in die historische Begriffsdimension hat sich ein kulturpolitischer Sinn eingeschrieben, der einen „natürlichen“ Zustand der Verknüpfung einer bestimmten Menschengruppe und ihrer „besonderen“ Kultur mit einem fest definierten geografischen Raum unterstellt, also vom individuellen Identitätsangebot – dessen zentraler Kern wie bei jedem Angebot darin besteht, dass man es auch ablehnen kann – zum kollektiven Identitätszwang geworden ist.

Dr. Händchen hält Heimat als einen „Raum des Schutzes“ sogar für nötig, um „die Impulse der Welt“, die als „Kampf“ empfunden werde, überhaupt integrieren zu können. Dies, so Händchen, sollte nicht den Rechten überlassen werden, so wie es die AfD ja jetzt auch wieder im EU-Wahlkampf tue, um sich ab- und andere auszugrenzen. Ist das nicht ein Argument dafür, den Heimatbegriff selbst zu besetzen?

Es gibt Begriffe, um die sollte man kämpfen, etwa den Begriff der Wahrheit oder den der Freiheit, weil sie einen im Kern emanzipativen Charakter haben. Und es gibt Begriffe, die sind im Kern gegenaufklärerisch, also unrettbar: Heimat, Volk, Identität – da kann man noch so viel kämpfen, der sozialhistorische Kontext der Begriffsgeschichte lässt sich nicht tilgen. Heimat, Volk und Identität zielen objektiv immer auf Ethnisierung, Kollektivierung und Ausgrenzung, wer sie verwendet, spielt der extremen Rechten objektiv in die Hände, was noch schlimmer ist, wenn er es unbedacht oder gar unabsichtlich tut.

Herr Salzborn, Sie sind in Hannover geboren und in Bad Münder und Hameln aufgewachsen. Inzwischen leben und lehren Sie in Berlin. Wo ist Ihre Heimat?

Ich habe keine Heimat und werde auch nie eine haben. Die Metal-Band Metallica hat in einem Song einmal getextet „Where I lay my head is home“. Und: „Rover, wanderer / Nomad, vagabond / Call me what you will“. Heimat und Freiheit sind unvereinbar, man kann immer wieder an Orten, an denen man sich aufhält oder lebt und mit Menschen, die man mag oder liebt, glücklich sein. Heimat sollte man diese Orte aber nicht nennen.

Wie nennen Sie diese Orte?

Momentan würde ich einen dieser Orte einfach Berlin nennen. Aber wichtig ist doch, dass es um Gefühle geht und die sind eigentlich immer konkret: Ich mag zum Beispiel in Berlin den Alexanderplatz sehr, nicht, weil er ein Symbol der Stadt ist, sondern weil er weitläufig ist, ein Gefühl von Freiheit vermittelt, mit der Weltzeituhr etwas sehr Kosmopolitisches hat. Zugleich gibt es kaum einen Ort in Berlin, den ich unangenehmer finde, als den ebenfalls für die Stadt symbolträchtigen Hackeschen Markt – seine Jugendstil-Architektur mit ihrer Ornamentalität steht für eine romantizistische Enge, die in ihrer Pittoreske erdrückt und einengt. Wichtig an dem Beispiel ist mir nicht, dass man meine Sichtweise darauf übernimmt, sondern die Ambivalenzen begreift. Jeder Ort ist widersprüchlich.

Danke für das Gespräch.

Interview: Philipp Killmann



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