weather-image
16°

Wo meine Wiege stand

Heimat in Film, Theater und Musik

Heimatfilm, Volkstheater, Schlager und auch das Lied der Niedersachsen - der Heimatbegriff nimmt in der Kultur einen breiten Raum ein. Ein Überblick.

veröffentlicht am 16.05.2019 um 18:03 Uhr

Der Rattenfänger von Hameln in der Wendenstraße. Foto: Dana
pe

Autor

Richard Peter Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Heimat“, grantelte der „Bulle von Tölz“ alias Ottfried Fischer, „Heimat, das ist, wenn einem die Todesanzeigen in der Zeitung etwas sagen“. Und das betrifft in erster Linie „Heimatzeitungen“. Denn egal, wie bedeutend die überregionale Presse von der „Frankfurter Allgemeinen“ über „Die Zeit“ bis zum „Spiegel“ auch sein mögen: Hameln und das Weserbergland finden dort so gut wie nie statt. Da reicht selbst Elbrinxen nur für eine kurze Notiz.

Was die heimatliche Presse – bei Böll in „Fürsorgliche Belagerung“ hieß das mal „Das Blättchen“ – so einzigartig legitimiert: Die Nähe. Das Vertraute. Der Mord auf dem Grohnder Sportplatz oder der Unfall auf der Pyrmonter Straße, die Aufführung im Theater oder die Ausstellung im Kunstkreis, die maroden Kastanien am Wall – allesamt Heimat-Themen. Und nur in der Heimatzeitung zu lesen. Das Schöne daran: man kennt, worüber geschrieben wird, hat spontan Bilder vor Augen. Als die ersten Hameln-Krimis von Susanne Kronenberg erschienen, die noch auf einem Gestüt in Rohrsen spielten, waren auch Szenen im Museums-Café eingefügt. Heimat hautnah. Nebenan sozusagen. Heute sind Kriminalromane mit Heimatbezug ein ebenso eigenes wie beliebtes Genre geworden, das im Verlag C.W. Niemeyer sozusagen eine „Heimat“ fand.

Unendlich die Aphorismen, die versuchen, Heimat zu beschreiben. „Ubi bene, ibi patria“ – locker übersetzt mit „Wo es mir gut geht, dort ist die Heimat“, wie Aristophanes es formulierte. Im Kaukasus hieß es lapidar: „Wer die Heimatberge nicht liebt, kann auch fremde Täler nicht lieben“. Fundamental ein persisches Sprichwort in dem es heißt: „Die Heimatliebe gehört zu den Glaubensartikeln“. So ganz anders und eher sarkastisch-satirisch – natürlich auf Englisch: „Home is, where my computer is“ – als Graffito. Mit Herzblut geschrieben: „Vergiss nie deine Heimat, wo deine Wiege stand, man findet in der Fremde kein zweites Heimatland“. Und sprichwörtlich in die selbe Kerbe gehackt: „Wer in allen Gassen wohnt, wohnt übel“.

4 Bilder

Klare Bekenntnisse zu Ursprung und Ursprünglichem, Vertrautem. Denn „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“, wie Johann Gottfried Herder es elegant formulierte. Und so ganz anders und ausgerechnet von Walter Ludin einem Kapuziner-Pater in die Welt gesetzt: „Saustall bedeutet für die Schweine Heimat“. Heimat kann also alles sein - es kommt auf den Blickwinkel an.

Einen regelrechten Boom erlebte der Heimatbegriff als sogenannter „Heimatfilm“ in den 50er-Jahren, als ländliche Regionen als Sehnsuchtsorte für „heile Welt“ standen. Damit es vor lauter Blumenwiesen, Almhütten und vollen Kirchen nicht langweilig wird, sorgen Erbstreitigkeiten und Wilderer für Salz in der „Heimat-Suppe“. Das beliebte Fiilm-Genre, das auch im Schlager mit „Meine Heimat sind die Berge“ seinen Niederschlag fand – während Freddy, der Hamburger Jung, dessen Wiege im Karawanken-Schatten in Kärnten stand – die See als seine Heimat beschwor. „Heile Welt“ war gefragt als Alternative nach dem „Tausendjährigen Reich“, das sich um mindestens zwei Nullen verschätzte. Hunger, Elend und Millionen Tote verwandelten sich zu Psycho-Kitsch. „Ein bisschen Frieden“ und Bergwelt statt Trümmerstädte. Und statt Geschützlärm Kuhglocken-Geläut und das „Röhren der Hirsche“. Man hatte die Schnauze voll von all dem Elend und wollte nur eines: Die Vergangenheit vergessen.

Genau das garantierte der Heimatfilm – wenn auch nur für knapp zwei Stunden. Ludwig Ganghofers Verfilmungen standen ganz oben in der Gunst des Publikums. Die Hits der Zeit: „Der Förster vom Silberwald“, „Der Meineidbauer“ oder „Grün ist die Heide“. Bevorzugte Schauplätze: Niederbayern und Alpenvorland, Heidelandschaften, Salzburger Land, das Salzkammergut, Bodensee und Schwarzwald. Es war die Idylle als Gegenentwurf zu Krieg und Zerstörung – die Sehnsucht nach dem Intakten.

Schon zuvor – da war es der erste Weltkrieg mit seinen ebenfalls nach Millionen zählenden Toten – und von Erich Maria Remarque in die weltgeschichtliche Kladde geschrieben: „Im Westen nichts Neues“. Neu die untergegangenen Monarchien. Bereits damals wurden Heimatromane verfilmt, war die große Zeit von Luis Trenker und Leni Riefenstahl. Die Lederhosen-Filme und deftiges Bauerntheater boomten – unabhängig davon, dass später in den Siebzigern auf der Sexwelle schwimmend „Unterm Dirndl gejodelt“ wurde. Und die „Blasmusik“ neue Bedeutung erlangte. Parallel dazu punkteten die „Schwarzwald-Klinik“ die eine ganz neue Form von Pilger-Bewegung auslöste, die allerding von den „Rössl“-Verfilmungen bereits vorgezeichnet war. „Schlosshotel Orth“ als Bilderbuch-Idylle am auch sonst schon so idyllischen Traunsee samt markantem Traunstein und der Endlos-Serie „Forsthaus Falkenau“. Dafür konnte allerdings nicht mehr der Krieg als Begründung herhalten. Das Wirtschaftswunder, das aus dem „Otto Normalverbraucher“ einen Gerd Fröbe wachsen ließ, kippte bereits in den Diäten-Wahn. Die Idylle blieb. Auch in der Schweiz mit Gotthelfs „Uli, der Knecht“ und Spyris „Heidi“ – die zuletzt mit dem kürzlich verstorbenen Bruno Ganz als „Alm-Öhi“ seine Unsterblichkeit bewies.

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.

Johann Gottfried Herder

Neben den Schnulzen gab es die etwas anderen Heimatfilme – geradezu als „Anti“ inszeniert von Fassbinder und Herzog. Daneben realistische Darstellungsweisen, die das Idyll nicht mehr bedienten, wie die „Heimat“-Serie von Edgar Reiz oder die beeindruckenden Verfilmungen von „Herbstmilch“ und „Schlafes Bruder“. Und irgendwie gehört, wenn auch in der Moderne gelandet, „Der Bulle von Tölz“ dazu, auch „Pumuckl“, der unvergessene „Monaco-Franze“ und die „Weißblauen Geschichten“ mit Gustl Bayrhammer. Nicht zu vergessen: Was uns der Wilderer mit frisch erlegtem Reh im Rucksack – lief nicht nur in Amerika erfolgreich als eigenes „Western“-Format mit John Wayne als Superstar.

Heimatfilme, die auch heute noch als Evergreen-Reprisen gezeigt werden: Die „Sissi“-Filme – was wäre Weihnachten ohne sie und den Rührungstränen, die aufs Sofa tropfen. Auch „Die Mädels vom Immenhof“ mit Heidi Brühl gehört dazu wie auch „Ich denke oft an Piroschka“ mit Liselotte Pulver. Harald Juhnke und Vivi Bach unterhielten mit „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n“ und Barbara Rütting adelte nach der Hathayer „Die Geierwally“. „Heimatlos“ war ein Hit mit Marianne Hold und Peter Weck, der „Skandal in Ischl“ wurde von O.W. Fischer geprägt und unvergessen Rudolf Prack und Sonja Ziemann in „Grün ist die Heide“.

Das Volkstheater ist nur ein anderer Name für Heimat und fand in Willi Millowitsch, vor allem aber mit Heidi Kabel und dem „Ohnsorg-Theater“ eine Nische, die auch im Hamelner Theater seit über 50 Jahren für ausverkaufte Vorstellungen sorgt. Und die Kabel war auf nichts so stolz wie dem Tirel „Volksschauspielerin“, wie sie in einem Intervie unserer Zeitung bekannte. So sehr der Heimatroman zum Genre der Trivialliteratur zählt, wozu vor allem Jeremias Gotthelf, Ludwig Ganghofer und Peter Rosegger zählen - die Grenzen sind fließend. Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, Thomas Manns „Buddenbrooks“, die in Lübeck zuhause sind, als Heimatliteratur zu bezeichnen. So wenig wie die „Danzig-Trilogie“ von Günter Grass.

Schon eher „Heimat“ von Franz Xaver Kroetz und die Volksstücke von Marieluise Fleißer aus Ingolstadt und die so eigenwillig-grandiosen Stücke eines Ödön von Horváth, dessen Roman „Jugend ohne Gott“ dramatisiert in der kommenden Saison auf unserer Bühne zu erleben sein wird. Ebenfalls ein Sonderfall: „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz, wo die masurische Idylle allerdings zerstört wird. Auch die Oper kommt nicht ohne Heimat aus – berühmtestes Beispiel aus Verdis „Nabucco“ mit „Teure Heimat, wann seh‘ ich dich wieder“. So ein bisschen heimliche Hymne und der Name Verdi an alle Hauswände gepinselt. Allerdings als Synonym für Victor Emanuel Rex d’Italia – eine politische Watschn für die österreichischen Besatzer.

Was wäre der Schlager ohne Liebe – aber auch ohne Heimat, wo es doch heißt „Blau blüht der Enzian“, „Die Fischerin vom Bodensee“ besungen wird oder „Tulpen aus Amsterdam“ und beschworen: „Die Heimat ist das Schönste auf der Welt“. Freddys „Heimweh“ mit „Brennend heißer Wüstensand“ oder „La Montaneira“ und tapfer sentimental „Nun ade, du mein lieb Vaterland“. In der Bildenden Kunst - wenn man vom „röhrenden Hirsch“ als Gruß aus dem Schwarzwald einmal absieht, hat Heimat ebenfalls ihren Stellenwert. Wie es die Hamelner Künstlerin Annemarie Rein-Pipho bewiesen hat. „Heimatkunde mit dem Zeichenstift“ nannte es Dr. Norbert Humburg, langjähriger Leiter unseres Museums. Hunderte Blätter mit Hamelner Kellergewölben, Backhäusern und Freiluft-Klos – sowie unzählige Aquarelle, die unsere Landschaften und Orte festhalten. Dazu gehört auch Karin Otto und ihre im Stil der „Naiven Malerei“, so liebevoll gestalteten Bauten der Weserrenaissance und Fachwerkhäuser, die seit Jahrzehnten als Vorlagen für Weihnachtsgrüße der Dewezet dienen.

Heimat auch in Hymnen - Franz Stelzhammer dichtete eine für Oberösterreich: „Hoamatland, Hoamatland, di hab i so gern. wia a Kinderl sei Muada, a Hünderl sein Herrn“. Die „erdverwachsenen Niedersachsen“ fallen in dasselbe Genre. Und ulimativ formuliert: „Zuhause ist man da, wo man jemanden kennen lernt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, den man kennt“. Und auf Sylt gibt es einen Friedhof der Namenlosen, der sich „Heimat für Heimatlose“ nennt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?