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Was ist das für ein Gefühl?

Die schwierige philosophische Suche nach der „Heimat“

Gibt es Heimat unabhängig vom Ort? Hat Heimat mit mir als Mensch, als Individuum zu tun? Oder eher mit den Menschen in meiner Umgebung? Ist Heimat ein Ort? Ein Raum? Eine Landschaft? Oder handelt es sich bei Heimat vielleicht doch vielmehr um ein Gefühl? Oder ist es ein Sammelsurium all dessen?

veröffentlicht am 01.05.2019 um 17:00 Uhr
aktualisiert am 02.05.2019 um 19:52 Uhr

Foto: Pixabay
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Fragen, die einen umtreiben, sobald man es wagt, tiefgründig darüber nachzudenken – und man diese Fragen nicht einfach abtut. Fragen, die beantwortet werden wollen, deren Antworten hier und dort aber ein sowohl als auch zulassen. Philosophisch betrachtet, eine recht vertrackte Sache.

Für den einst in Hameln lebenden Philosophen Theodor Lessing war die Frage beantwortet, er hatte seine Heimat gefunden, nicht etwa daheim in Hannover, nicht bei seiner Familie, nein, Lessing fand seine Heimat in der kleinen Stube einer schwindsüchtigen Frau namens Sibylle Schröder mitten in der Hamelner Provinz. Lessing, der 1892 am damaligen Städtischen, dem heutigen Schiller-Gymnasium sein Abitur machte, schrieb: „In dem Lüderschen Parke, darin ich wohnte, stand ein Gartenhaus … die Holzstiege hinan zu Frau Schröders blitzend saubren Stuben. … Diese Stube wurde mir zur Heimat, so sehr, daß in späteren Jahren ich oft Heimweh gespürt habe nach diesem einfältigen Idyll. … Inniger und enger verwuchs ich dem grünen Nest. Mit seines Stromes Wehr und fröhlicher Welle. Mit seines Ohrbergs wildumbuschtem Geklüft. Mit den alten Mären vom Rattenfänger … Mit Hochzeitshaus und Münster. Wir ruderten auf der Weser, falls wir nicht vorzogen, an den Sonntagen in Pyrmont flotte Herren zu spielen.“

Lessing hat die Heimatfrage für sich beantwortet. Kann das jeder von sich behaupten? Nun, es dürfte Menschen geben, die diese Frage gar nicht erst an sich heranlassen – diese Zeitgenossen brauchen dann auch keine Antwort. Ebenso sicher dürfte sein, dass die Antworten auf diese immer selbe Frage bei jedem Menschen anders ausfällt.

Für Sokrates war es wichtig, dass der Mensch „seiner Heimat dienen“ solle, Friedrich Nietzsche blieb „ohne Heimat“, Voltaire jubelte „Wie teuer ist die Heimat allen edlen Herzen“. Es gibt nun mal kein allgemeingültiges Heimatgefühl, bei Hans und Franz nicht, und unter Philosophen schon gar nicht. In einem Punkt allerdings dürfen wir nach Einigkeit streben: Die Philosophie erkennt den politisch missbrauchten Heimatbegriff – verachtet diesen jedoch.

Eine Schwierigkeit, die sich fast zwangsläufig stellt, wenn man über den Begriff Heimat nachdenkt, ist die Vagheit des Begriffes, seine Bedeutungsoffenheit, wie es der Historiker Prof. Thomas Schaarschmidt nennt. Wozu brauchen wir noch Heimat in einer globalisierten Welt, in der Migration immer mehr zum Normalfall wird und der Wohnort immer seltener mit dem Geburtsort übereinstimmt? Das Bild der Verwurzelung, so schrieb Salman Rushdie schon vor langem in seinem Roman „Scham und Schande“, sei ein Mythos, der die Menschen an ihre Herkunftsorte fesseln solle, während Migranten gelernt hätten, die Schwerkraft zu überwinden.

Vielleicht beginnt hier die vermeintlich diametrale Bedeutungsdiskussion zum Begriff Heim-weg, Sinn zu machen. Des Menschen heimische Seite – und des Menschen Weg. Schließlich hat Ankommen auch immer etwas mit Gehen zu tun.

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